Seit dem 10. Oktober herrscht im Gaza-Streifen eine Waffenruhe. Nach zwei Jahren Krieg sollen alle israelischen Geiseln freigelassen werden. Eine Ausstellung in Berlin zeigt jetzt, wie und warum die Kämpfe in Gaza begannen.
Von Hubertus Knabe
Ein Zelt, ein Schlafsack, ein Campingstuhl – jeder, der schon einmal bei einem Musikfestival war, kennt die Utensilien, die man bei sich haben muss, wenn man zu einem Event dieser Art fährt. In einer am Dienstag eröffneten Ausstellung über den Überfall der Hamas auf das Supernova-Festival in Israel haben sie eine neue Bedeutung bekommen: Sie zeigen, wie friedliches Leben durch politischen Fanatismus unvermittelt in Todesangst und Massenmord umschlagen kann.
Die Bilder des Massakers, oftmals von den Mördern selbst ins Netz gestellt, schockierten vor zwei Jahren die Weltöffentlichkeit. Auf einem der Videos konnte man zum Beispiel sehen, wie die 22-jährige Deutsch-Israelin Shani Louk halbnackt mit dem Gesicht nach unten auf einem Pickup durch Gaza gefahren wurde. Ein Hamas-Kämpfer hatte sein Bein über sie gelegt, während bärtige Männer grölten: „Gott ist groß“. Louk, die in Israel den Wehrdienst verweigert hatte, war unweit des Festivalgeländes erschlagen und wie eine Trophäe mitgenommen worden.

Inzwischen ist es still geworden um den Massenmord, dem damals Hunderte junge Leute zum Opfer fielen. Stattdessen dominieren in Deutschland Proteste gegen den Krieg in Gaza, mit dem die israelische Regierung der Hamas ein für allemal das Handwerk legen will. Dass die Terrororganisation Krankenhäuser und Wohnhäuser als Schutzschild nutzt, um die Weltmeinung gegen Israel aufzubringen, fällt dabei ebenso unter den Tisch wie die Ursache des Krieges: der feige Überfall der Hamas auf unbewaffnete Zivilisten in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 2023. Um 6:29 Uhr ging plötzlich die Musik aus, weil palästinensische Kämpfer das Feuer auf die tanzenden Festivalbesucher eröffneten.
Die Ausstellung, die von den Gründern des Nova Music Festivals zusammengestellt wurde, ruft die Ereignisse jetzt noch einmal in Erinnerung. In der Abfertigungshalle des ehemaligen Tempelhofer Flughafens stehen verlassene Zelte, ausgebrannte Fahrzeuge und umgestürzte Campingstühle, dazwischen, in einem wilden Durcheinander, Decken, Hüte, Schuhe, Yogamatten, Pappbecher und Kuscheltiere. An einem Baum hängt noch ein handgemalter Wegweiser mit der Aufschrift „Love everywhere“. Die Szenerie wirkt, als wäre ein Hurrikan durch einen Zeltplatz gefahren, wären da nicht noch Dutzende kleine und große Bildschirme zu sehen. Sie zeigen Szenen des größten Massenmordes an Juden seit dem Holocaust.

„Sag, Allah ist der Größte!“
Gleich zu Beginn ist auf einem Video zu sehen, wie ein Radlader den meterhohen Grenzzaun zertrümmert, den Israel wohlweislich um den Gaza-Streifen errichtet hatte. In einer anderen Sequenz schießen Hamas-Kämpfer auf einen Autofahrer, während einer von ihnen sagt: „Der arme Kerl zittert ja vor Angst.“ Auf einem dritten Schnipsel rufen sich mehrere bis an die Zähne bewaffnete Motorradfahrer zu: „Wir sind auf dem Weg ins Paradies, Leute!“ Auch die Szene mit Shani Louk ist zu sehen, ebenso die verstörende Sequenz, wie eine junge Frau mit blutiger Hose in ein Auto gestoßen und dabei aufgefordert wird: „Sag, Allah ist der Größte!“ Besonders schockierend ist der Anruf eines Kämpfers bei seinem Vater, dem er stolz mitteilt: „Papa, ich rufe Dich vom Telefon einer Jüdin an. Ich habe sie und ihren Mann gerade getötet. Zehn Juden habe ich mit meinen eigenen Händen getötet.“ Die Antwort des Vaters darauf lautet: „Allah beschütze Dich.“
Nicht weniger unbegreiflich sind die Bilder der Opfer. Eine junge Frau, die sich in einem Gebüsch versteckt hat, nimmt ein Video auf, damit es erhalten bleibt, wenn sie tot ist. „Ich möchte nach Hause. Ich liebe Euch alle,“ flüstert sie ängstlich in die Kamera. Eine andere rennt um ihr Leben, während ein Freund ihr runtergefallenes Handy hält, an dem noch ihre Mutter ist. Eine dritte wird auf ein Motorrad gezerrt und bittet panisch einen jungen Israeli um Hilfe. Der wird jedoch selber gerade abgeführt und wirkt wie gelähmt, als hätte er mit seinem Leben bereits abgeschlossen. In einem aufwühlenden Telefonat ist schließlich zu hören, wie eine Mutter ihre Tochter zu beruhigen versucht, während ringsum bereits Schüsse zu hören sind. Dass Mädchen kann ihr noch mitteilen, dass sie nach Gaza verschleppt wird – dann ist die Leitung tot.

In der Ausstellung ist auch die Festivalbar aufgebaut, hinter deren Tresen damals viele junge Leute Schutz suchten – und dann gnadenlos erschossen wurden. Ein Großbildvideo zeigt, wie ein Hamas-Kämpfer seelenruhig in sämtliche mobile Toilettenkabinen feuert. Einige von ihnen sind im Original zu sehen, manche mit fünf oder mehr Einschusslöchern. Auch zwei Schutzbunker wurden nachgebaut, in die viele Festivalbesucher flüchteten, um sich vor den Kugeln in Sicherheit zu bringen. Für die meisten wurden sie zu tödlichen Fallen, weil die Hamas Granaten hineinwarf. Ein Mädchen erzählt, dass sie nur überlebte, weil sie als eine der ersten hineingerannt war und später durch die Körper der anderen geschützt wurde.
„Bring them home“
Bei dem Massaker auf dem Festivalgelände hat die Hamas 411 Menschen getötet, ganz überwiegend unbewaffnete junge Besucher. Sie hat zudem 43 Teilnehmer nach Gaza entführt, von denen elf immer noch gefangen gehalten werden. 15 Geiseln wurden ermordet, 14 nach langwierigen Verhandlungen freigelassen. „Bring them home“ steht auf einer großen Wand mit den Bildern aller Gefangenen, auf denen inzwischen mehrfach ihr Alter korrigiert werden musste. Erst jetzt, nach einem zweijährigen Krieg mit Tausenden Opfern, erklärte sich die Hamas bereit, sie freizulassen.
Die Bilder der Toten und Entführten werden in einem zweiten Saal gezeigt. Für sie stehen dort auch Hunderte künstlicher Kerzen, neben die Besucher Kärtchen mit kleinen Botschaften legen können. Auf Tischen liegen Fundstücke vom Festivalgelände wie Schuhe, Sommerkleider, Rucksäcke oder Haarbürsten. Sie erinnern an die Ausstellung in Auschwitz, wo Berge von Schuhen und Haaren den Massenmord symbolisieren.

Anders als in Deutschland üblich, kommt die Exposition fast ganz ohne Text aus. Nur bei den Opfern kann man lesen, wer sie waren und was mit ihnen passierte. Da es so viele sind, entsteht aber auch hier die Wirkung durch die schiere Masse an Biografien, die kaum jemand vollständig lesen dürfte. Die Besucher können sich zudem frei durch den Raum bewegen und sind an keinen festen Weg gebunden. Wegen dieser Machart und des Themas dürfte die Ausstellung besonders junge Leute ansprechen. Die staatlich finanzierten Gedenkstätten in Deutschland könnten sich hier eine dicke Scheibe abschneiden.
Ob die Ausstellung, die noch bis zum 16. November zu sehen ist, an der israelfeindlichen Stimmung in Berlin etwas ändern wird, ist allerdings fraglich. Gerade junge Leute stellen sich oft gegen den Gaza-Krieg, ohne die Ursachen in den Blick zu nehmen. Die Masseneinwanderung aus dem Nahen Osten hat das gesellschaftliche Klima verändert. Während Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei der Eröffnung bedauerte, es gebe über das Massaker „zu viel Schweigen, auch aus der Kultur“, versammelten sich zur selben Zeit auf dem Alexanderplatz 250 bis 300 Menschen bei einer verbotenen Demonstration, wo sie eine „Wiederholung des 7. Oktober“ forderten. In einem Aufruf hatten Studentengruppen zuvor den Massenmord der Hamas gerechtfertigt – „als heldenhaften Ausbruch“ und „Leuchtfeuer der revolutionären Hoffnung“.
„Oct. 7, 06:29 am. The Moment Music Stood still. The Nova Music Festival Exhibition.“ 7. Oktober bis 16. November 2025, Flughafen Tempelhof, Haupthalle, Platz der Luftbrücke 5, 12101 Berlin