Der erste Gulag

Vergessener Gulag - ehemalige Baracke des Solowezker Lagers zur besonderen Verwendung

Auf einem abgelegenen Archipel im Weißen Meer liegt das wichtigste religiöse Zentrum Nordrusslands: das Solowezki-Kloster. Die Bolschewiki nutzten den jahrhundertealten Vorposten der orthodoxen Christenheit für andere Zwecke. Sie erprobten hier zum ersten Mal den sowjetischen Gulag. Eine Reise in den russischen Norden.

Von Hubertus Knabe

Kalt ist es hier, selbst im August. Die Frauen, die am kleinen Hafen die ankommenden Schiffe erwarten, um selbst gestrickte Mützen und Pullover zu verkaufen, sind dick eingepackt. Bis zum Polarkreis sind es von hier nur noch rund 160 Kilometer. Es sind nicht viele, die aussteigen, denn die Anreise zu den Solowezki-Inseln per Zug und Schiff ist lang und beschwerlich.

Jahrhundertelang war die Inselgruppe von November bis Mai sogar ganz vom Festland abgeschnitten. Denn im langen Winter, wenn die Temperaturen permanent unter den Gefrierpunkt fallen, waren die Häfen für Schiffe unbenutzbar. Da das Weiße Meer aber nicht völlig zufriert, blieben eisfreie Flächen, die auch per Wagen oder zu Fuß nicht überquert werden konnten.

Schon vom Meer aus ist das berühmte Kloster zu sehen: vorne die trutzige Verteidigungsmauer aus Feldsteinen, dahinter unzählige Zwiebeltürme, die senkrecht in den Himmel streben. Das 1436 gegründete Männerkloster liegt direkt am Hafen, in einer kleinen natürlichen Bucht auf der größten der Inseln. Im 16. Jahrhundert wurde hier die erste Steinkirche gebaut. Kurz darauf entstand die Kathedrale, später kamen weitere Gebäude dazu. Eine massive Festungsanlage mit fünf Wachtürmen und einer umlaufenden Mauer umschließt das Areal.

Hinter den dicken Festungsmauern aus dem 16. Jahrhundert befindet sich das Solowezki-Kloster
Zwiebeltürme hinter Festungsmauern – das Solowezki-Kloster im Norden Russlands

Fast jeder in Russland kennt die Solowezki-Inseln, zärtlich „Solowki“ genannt, die rund 900 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg liegen. Das jahrhundertealte Kloster ist auf dem russischen 500-Rubel-Schein zu sehen. Und der Ort ist für seine doppelte Geschichte berühmt: als nördlichstes Zentrum des orthodoxen Christentums – und als Ursprung des sowjetischen Gulags.

Die abgelegene Lage und die festungsartige Architektur waren vermutlich auch der Grund, warum das Kloster bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts als staatliches Gefängnis diente. Einige der alten Kerker sind bis heute erhalten geblieben. Dass die Mönche nicht nur beteten, sondern zugleich für den russischen Zaren jahrhundertelang Häftlinge beaufsichtigten, erscheint heute wie ein böses Omen für die Geschichte des Ortes im 20. Jahrhundert.

Nach der Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 und dem Sieg der Roten Armee in Nordrussland erschien im April 1920 eine revolutionäre Kommission aus Archangelsk auf der Insel. Sie erklärte das Kloster und seine Ländereien für verstaatlicht. Zahlreiche Kommissionen befassten sich danach mit der Beschlagnahme und dem Abtransport der Kirchenschätze. Allein das Komitee zur Unterstützung der Hungernden im Wolgagebiet ließ im Mai 1922 insgesamt 42 Kilo Silber, 5 Kilo Gold und 1988 Edelsteine nach Moskau bringen – wo die Kostbarkeiten in der Regel eingeschmolzen wurden. Die Bolschewiki hatten selbst vor den alten Grabstätten des Klosters keinen Respekt. Historische Fotos zeigen junge Männer mit Stiefeln und Schirmmützen, wie sie die ausgegrabenen sterblichen Überreste mehrerer Heiliger triumphierend zur Schau stellen.

Gefängnis für den Zaren – Ehemalige Zellentür im Solowezki-Kloster

An die Stelle des Klosters trat damals eine Staatsfarm, in der neuen Sprache der Kommunisten: eine Sowchose. Weil jedoch niemand freiwillig auf der entlegenen Insel arbeiten wollte, beschäftigte die Sowchose vor allem ehemalige Mönche, die ihren früheren Tätigkeiten ein Zeit lang weiter nachgehen durften. Darüber hinaus gab es ein Zwangsarbeitslager für Bürgerkriegs- und Strafgefangene, in dem rund 350 Häftlinge als billige Arbeitskräfte dienten.

Das große Feuer von 1923

1923 wurde die Inselgruppe der sowjetischen Geheimpolizei unterstellt. Eine Inspektion hatte festgestellt, dass sich die Staatsfarm in einem chaotischen Zustand befand. Als das Kloster übergeben werden sollte, brach jedoch über dem Büro der Sowchose ein vermutlich selbst gelegtes Feuer aus, in dem sämtliche Akten verbrannten – und mit ihnen viele Kirchengebäude.

Im November beschloss der Rat der Volkskommissare, auf den Inseln ein riesiges Arbeitslager einzurichten – das Solowezker Lager zur besonderen Verwendung (SLON). Es unterstand der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung (OGPU), wie sich Lenins Geheimpolizei seit 1922 nannte. Der Führer der Kommunistischen Partei Russlands hatte schon 1918 angeordnet, Gegner der Sowjetmacht in „Konzentrationslager außerhalb der Stadt einzusperren.“ In einem Beschluss über den Roten Terror bekräftigte der Rat der Volkskommissare, „dass es notwendig ist, die Sowjetrepublik von den Klassenfeinden zu befreien, weshalb diese in Konzentrationslagern zu isolieren sind.“ Während sie bis dahin meist in ehemaligen Kriegsgefangenenlagern inhaftiert wurden, sollten sie nun zur Arbeit herangezogen werden.

In der Nähe des Hafens arbeiten Gefangene auf der Gulag-Insel Solowki
Schuften für den Sozialismus – Gefangene bei der Zwangsarbeit auf Solowki (sowjetisches Propagandafoto)

Vor allem aus den Gefängnissen in Moskau und Petrograd, wie Sankt Petersburg vorübergehend hieß, brachte die Geheimpolizei Hunderte von Häftlingen auf die Inselgruppe. Bis Ende 1923 betrug ihre Zahl bereits mehr als 4000. Fotos zeigen, wie sie am Hafen vor dem Kloster in Marschkolonnen Aufstellung nehmen mussten. Die Quarantänestation für die Neuankömmlinge befand sich in der Dreifaltigkeits-Kathedrale. Im Refektorium wurden die „negativen Elemente“ untergebracht – sie mussten die schmutzigsten und anstrengendsten Arbeiten erledigen. Auf den Inseln wurden insgesamt sechs Sträflingsdivisionen mit zusammen bis zu 50.000 Häftlingen gebildet.

„Lasst uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben,“ sollen die Verantwortlichen über das Eingangstor des Lagers geschrieben haben. Da es im Unterschied zu den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten kaum Fotos aus dem Gulag gibt, ist unklar, ob dies Realität war – oder nur ein Mythos, der die Intentionen der Machthaber treffend wiedergab. Ziel der Bolschewiki war jedenfalls die Umerziehung der Gefangenen durch Arbeit. Der russische Schriftsteller und Dissident Alexander Solschenizyn nannte das Solowezki-Lager deshalb auch die „Mutter des Gulag“, weil nach ihrem Vorbild in der Sowjetunion bald ein ganzes Netz an Straflagern geschaffen wurde.

Die Methoden des ersten Lagerleiters Aleksander Nogtev konnten dabei noch als vergleichsweise archaisch gelten. Ein Häftling beschrieb etwa, wie der Kommandant zum Entsetzen der Mönche einmal nachts um drei betrunken mit seinem Pferd die 47 Stufen der Kathedrale hoch ritt, nachdem er zuvor die Frauenbaracke „inspiziert“ hatte. Sein Nachfolger, dessen Name ausgerechnet Fjodor Eichmans lautete, ging offenbar intelligenter und strategischer vor. „Unter Eichmans,“ heißt es in einem Erinnerungsbericht, „nahm Nogtevs blutiges Chaos schrittweise die Form eines straffen und präzisen Systems des sowjetischen Strafvollzugs an.“ Als eigentlicher Erfinder der sozialistischen Sklavenarbeit gilt aber ein Häftling: Naftali Frenkel, der in der „Gefangenenselbstverwaltung“ Karriere machte und später führende Positionen in der Administration des sowjetischen Gulag bekleidete.

Bischöfe als Holzfäller

Die Inseln waren zu Beginn vor allem Haftort für die „Ehemaligen“ – wie die Bolschewiki die Elite des alten Russlands nannten. Adlige und Offiziere, Gelehrte und Künstler, Kleriker und Politiker mussten hier als Holzfäller, Straßenbauer oder Torfstecher Zwangsarbeit leisten. Allein aus der orthodoxen Kirche waren mehr als 80 Metropoliten, Bischöfe und Erzbischöfe sowie über 400 Priester auf der Insel inhaftiert. Hinzu kamen zahlreiche Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler und Künstler, die in den ersten Jahren noch ein umfangreiches Kulturleben entfalten durften. Bald kam auch die Führungsschicht anderer Nationen der jungen Sowjetunion hinzu. Sozialdemokraten, Anarchisten sowie rechte und linke Sozialrevolutionäre – rund 500 an der Zahl – waren dabei zunächst vom Arbeitszwang ausgenommen, weil die Bolschewiki in der Frühzeit noch auf ihren Ruf in der Sozialistischen Internationale achteten.

Verhaftet, verurteilt, hingerichtet – erkennungsdienstliches Foto des russischen Metereologen Alexei Wangenheim

Die Arbeits- und Lebensbedingungen im Lager waren unmenschlich – und für viele tödlich. Die meisten Gefangenen hatten nur das an, was sie bei ihrer Verhaftung getragen hatten, und wurden dennoch bei eisiger Kälte in die Wälder zum Holzfällen getrieben. „Wir mussten knietief im Schnee stehen, so dass es schwer war sich zu bewegen,“ erinnerte sich ein entflohener Lagerhäftling später. „Große Bäume fielen auf einzelne Gefangene und töten sie manchmal sofort. Gekleidet in Lumpen, ohne Handschuhe und nur in Birken-Sandalen, konnten die Gefangenen wegen der Unterernährung vor Schwäche kaum stehen.“

Arbeitslager gab es später auch in China. Lesen Sie, wie man dort mit der Vergangenheit umgeht.

Die Essensrationen im Lager waren äußerst knapp bemessen – und wurden jetzt als Druckmittel eingesetzt: Wer weniger leistete, erhielt auch weniger zu essen. „Unser Essen bestand an diesem Tag aus einem halben Pfund Schwarzbrot und einer Suppe aus verrottetem Hering,“ heißt im Bericht eines Gefangenen. „Das trübe Wasser roch widerlich und schmeckte wie pures Salz.“ Hinzukamen willkürliche Drangsalierungen und sadistische Strafen, wenn ein Häftling gegen die Vorschriften verstieß oder zu flüchten versuchte. Im Winter wurde er dann in Unterwäsche in eine eisige Strafzelle gesteckt, im Sommer gefesselt den Mückenschwärmen ausgesetzt. Tausende, wenn nicht Zehntausende kamen unter diesen Bedingungen ums Leben. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Lagerakten vernichtet wurden.

Tödlicher Lageralltag – Bergung sterblicher Überreste von Gefangenen aus einem Massengrab auf Soloweki

Besuch von Maxim Gorki

In der zweiten Hälfte der 1920-er Jahre erschienen im Westen mehrere Bücher mit aufrüttelnden Berichten geflüchteter Gefangener. „Hölleninsel“ hieß das eine, „Zuchthaus Solowki“ ein anderes. Ausländische Aktivisten protestierten daraufhin bei der Sowjetregierung gegen die neue Form der Sklavenarbeit im Mutterland des Sozialismus. Um ihr Image aufzubessern, ließ diese deshalb den international bekannten Schriftsteller Maxim Gorki im Juni 1929 für eineinhalb Tage auf die Insel bringen, damit er die Weltöffentlichkeit vom Gegenteil überzeuge.

Gorkis Besuch wurde von der Lagerleitung bis ins Detail durchinszeniert. In den Zellen wurden Tische aufgestellt und die Gefangenen erhielten Zeitungen, die sie demonstrativ lesen sollten. Um Gorki zu zeigen, dass es sich nur um Theater handelt, hielten diese die Zeitungen bewusst verkehrt herum. Den Schriftsteller, nach dem in Ostdeutschland zahlreiche Straßen und ein Theater benannt sind, hielt dies nicht davon ab, in einem langen Essay anschließend ein Loblied auf das Lager und die notwendige Umerziehung sozial gefährlicher Elemente zu singen.

Der Schriftsteller Maxim Gorki zusammen mit Geheimdienstoffizieren und Familienangehörigen im Juni 1929 auf der Gulag-Insel Solowki
Besuch im Gulag – Maxim Gorki mit Offizieren unweit des „Isolators“ am Sekirnaja-Berg auf Solowki

Zu ganz anderen Ergebnissen war nur sechs Wochen zuvor eine Kommission der OGPU gekommen. Diese hatte das Lager inspiziert, um zu studieren, wie man die Erfahrungen mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern beim geplanten Bau des Weißmeerkanals nutzen könnte. In ihrem Bericht war von katastrophalen Arbeitsbedingungen, Quälereien an Häftlingen und willkürlichen Erschießungen die Rede. 13 der 38 Offiziere der Lagerverwaltung wurden daraufhin hingerichtet.

Der Stalinkanal

Der Bau des Weißmeerkanals im Jahr 1931 war ein Prestigeobjekt Stalins. Zwangsarbeiter mussten die 227 Kilometer lange Verbindung zwischen Ostsee und Weißem Meer in weniger als zwei Jahren errichten – fast ausschließlich aus Holz und Erde. Viele Gefangene sowie die gesamte Lageradministration wurden zu diesem Zweck von der Insel aufs Festland verlegt. Insgesamt kamen bei dem Projekt rund 170.000 Häftlinge zum Einsatz, von denen mindestens 25.000 starben. Nach Fertigstellung des „Stalinkanals“, dem Gorki in einem anderen Werk mit ähnlicher Inbrunst huldigte, stellte sich heraus, dass er weitgehend nutzlos war, da er wegen seiner geringen Tiefe nur beschränkt schiffbar war.

Das Bild zeigt Gefangene, die den Weissmeerkanal (Stalinkanal) bauen.
Mit eiserner Hand zum Glück getrieben – Gefangene beim Bau des Weissmeerkanals (sowjetisches Propagandafoto)

Auf Veranlassung Stalins beschloss das Politbüro der KPdSU im Sommer 1937 für die gesamte Sowjetunion zentral vorgegebene Quoten für die Verhaftung und Liquidierung „antisowjetischer Elemente“. Auch für das Insellager wurde festgelegt, wie viele Menschen getötet werden sollten. Eine Kommission selektierte nach kurzer Durchsicht der Akten 1111 Gefangene, die auf dem Festland in einem Wald bei Sandormoch erschossen wurden. 509 weitere Häftlinge wurden in Leningrad ermordet, die letzten 198 direkt auf der Insel. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurde ein Teil der Gräber entdeckt, nach jahrelanger Suche des Historikers Jurij Dimitriev – bis dieser in Russland 2016 unter dubiosen Beschuldigungen verhaftet und vor Gericht gestellt wurde.

Da die natürlichen Ressourcen weitgehend erschöpft waren, wurde das Arbeitslager 1937 geschlossen. Das Kloster diente nun als Sondergefängnis für nur noch 2000 Häftlinge, bis auch dieses im Vorfeld des sowjetischen Angriffs auf Finnland 1939 aufgelöst wurde. Jetzt übernahm die Nordmeerflotte das Eiland. Doch das System des Gulag existierte bis Stalins Tod im März 1953 fort.

Wie eine riesige Insellandschaft erstreckten sich damals die Lagerstandorte über die gesamte Sowjetunion. Viele befanden sich in besonders unwirtlichen Regionen, wo die Überlebenschancen gering waren. Zum System der Zwangsarbeit gehörten dabei nicht nur die sogenannten Besserungsarbeitslager für Sowjetbürger, sondern bald auch die Lager des „Archipel GUPVI“, in denen Millionen Kriegsgefangene schmachteten. Bis zu 24 Millionen Menschen mussten auf diese Weise für den sowjetischen Staat schuften.

Rückkehr nach 70 Jahren – russisch-orthodoxe Mönche auf der Solowezki-Insel

Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erwachte das Kloster wieder zum Leben. 1990 beschloss der Heilige Synod seine Wiederherstellung. 1992 kehrten die ersten Mönche zurück, die Reliquien der Klostergründer wurden zurück auf die Insel gebracht. Im selben Jahr wurden das Areal zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. 2002 stattete Präsident Putin, zusammen mit dem damaligen Patriarchen Alexej II., der Insel einen Besuch ab. Inzwischen leben in dem Kloster gut 50 Novizen.

Abgehackte Kirchtürme

Heute ist vom alten Lager kaum mehr etwas zu erkennen. Das Kloster wird seit einigen Jahren aufwändig restauriert – im ursprünglichen Zustand und nicht als Gedenkstätte gegen den Terror. Die abgehackten Kirchtürme aus der Gulag-Zeit sind nur noch auf den frühen 500-Rubel-Scheinen zu sehen. Auch die Einsiedelei, in dem sich früher der Isolator, also die Strafzelle des Lagers, befand und an dessen Abhang die sterblichen Überreste von 86 Hingerichteten gefunden wurden, erhebt sich wieder in alter Pracht auf dem Sekirnaja-Berg.

Kirchen ohne Zwiebeltürme – alter 500-Rubel-Schein mit Solowezki-Kloster
Kloster mit Zwiebeltürmen – neuer 500-Rubel-Schein in Russland

Einen Eindruck der früheren Lageratmosphäre vermittelt noch am ehesten die Siedlung neben dem Kloster, in der einige Baracken aus den späten 1920-er Jahren erhalten geblieben sind. In einem der einförmigen Holzbauten befindet sich heute ein staatliches Museum zur Geschichte des Lagers. In der ehemaligen Frauenbaracke schräg gegenüber leben ganz normale Familien, ohne dass irgendetwas auf die Vergangenheit ihrer Behausung hinweist.

Die Erinnerung an den Gulag ist heute auf der Insel auf merkwürdige Weise dreigeteilt: Die Kirche würdigt vor allem ihre eigenen Märtyrer und vermeidet Themen, die nicht in das Bild des heiligen Opfergangs passen – wie die Tatsache, dass eine Reihe von Mönche in den Anfangsjahren weiter für die kommunistische Lagerverwaltung arbeiteten. Zugleich drückt sie dem Gedenken ihren christlich-orthodoxen Stempel auf, obwohl viele Opfer atheistisch oder anderen Glaubens waren. Sie hat auch verhindert, dass im Kloster eine Gedenkstätte für die Gulag-Opfer geschaffen wurde. Auf der anderen Seite nutzt sie ihre Ressourcen, um Wallfahrer und Naturliebhaber, die den Ort besuchen, mit Führungen, Broschüren und einem eigenen Museum über die dunklen Seiten der Geschichte zu informieren.

Christlich-orthodoxer Stempel – Gedenkfeier für erschossene Gulag-Häftlinge im Wald von Sandomorch

Der Staat hat das Thema ebenfalls für sich entdeckt. Die Erinnerung an den Gulag ist in Russland kein Tabu mehr. Der Kreml scheint sich des lange Zeit als regierungskritisch geltenden Themas sogar bemächtigen zu wollen, um den Nichtregierungsorganisationen das Wasser abzugraben. In Moskau gibt es seit 2015 ein großes Gulag-Museum, das vergangenes Jahr eine neue Dauerausstellung eröffnet hat. Und Vladimir Putin persönlich weihte 2017 eine 30 Meter lange „Mauer der Trauer“ in der russischen Hauptstadt ein.

Auf der anderen Seite wurde eine Bürgerinitiative, die im ehemaligen Lager Perm 36 eine Gulag-Gedenkstätte betrieb, 2014 vor die Tür gesetzt. Und Stalin ist in Russland populärer denn je, ohne dass die Regierung dem entgegentritt. Auch die Kontinuität der russischen Geheimpolizei ist ungebrochen, wie im KGB-Museum in Sankt Petersburg ganz offen zur Schau gestellt wird. Wie sollte es auch anders sein, wenn der russische Präsident selber früher Chef der Staatssicherheit war.

Staatliche Erinnerung – Gulag-Museum in einer ehemaligen Lagerbaracke auf Solowki

Genau diese Kontinuität kritisieren diejenigen, die sich seit Jahren für die Erinnerung an das Leid der Opfer einsetzen, allen voran die Menschenrechtsorganisation Memorial. Die Vereinigung, die noch zu Sowjetzeiten gegründet wurde und Ableger in zahlreichen russischen Städten besitzt, hat sich wie keine andere Institution in Russland für die Aufarbeitung der Vergangenheit engagiert. Ihr ist es zu verdanken, dass in Moskau vor der früheren und jetzigen Zentrale des Geheimdienstes, der Lubljanka, ein großer Feldstein von den Solowezki-Inseln als Zeichen der Erinnerung an die Opfer aufgestellt wurde. Einmal im Jahr organisiert sie eine Gedenkfeier auf dem Archipel, an der auch Vertreter ausländischer Botschaften teilnehmen. Eine weitere, größere Feier findet jedes Jahr im August an den Massengräbern im Wald von Sandormoch statt.

Durch die Aktivitäten von Staat und Kirche hat Memorial jedoch seine einstige Monopolstellung verloren. Erschwerend kommt hinzu, dass die russische Gesellschaft – anders als in den 1990-er Jahren – an den kommunistischen Verbrechen nur noch wenig Interesse zeigt. Die Jahrhunderterfahrung des Gulag, in dem über 18 Millionen Menschen gefangen waren und knapp drei Millionen starben, ist in Russland im wahrsten Sinne des Wortes im Museum angekommen. Die «Hölleninsel» Solowki ist hingegen nur noch ein friedliches Eiland, in dem die Mönche wie früher das Gespräch mit Gott suchen.

In gekürzter Form erschien dieser Text in: Neue Züricher Zeitung vom 5. April 2019

Leseempfehlung: Zakhar Prilepin, Archipel Solowki (Neuerscheinung)

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