Die Akte “Bernstein”

Die Akte “Bernstein”
Ehemaliger Stasi-Mitarbeiter - Der neue Besitzer des Berliner Verlages Holger Friedrich (r) mit seiner Frau Silke

Der neue Besitzer der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, wurde Mitte November als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter enttarnt. Entgegen seiner Behauptung, niemals „aktiv“ für die Stasi gearbeitet zu haben, legt seine Akte als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) einen anderen Schluss nahe. Eine Analyse des IM-Vorgangs „Peter Bernstein“ mit den wichtigsten Dokumenten zum Download.

Von Hubertus Knabe

So sieht Panik aus! Nachdem bekannt wurde, dass der neue Besitzer des Berliner Verlages, Holger Friedrich, Informant des Staatssicherheitsdienstes war, liegen dort die Nerven blank. Innerhalb von vier Tagen veröffentlichte die Berliner Zeitung fünf Texte „In eigener Sache“. Die Redaktion benannte nach eigenen Angaben ein fünfköpfiges Reporter-Team für die Aufarbeitung. Zusätzlich wurden die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, und ein Historiker als Unterstützer angeheuert. Kolumnist und Ex-68er Götz Aly verkündete schon einmal: „Ich lehne es ab, vorschnell ‚Stasispitzel‘ zu schreien.“

Der Verlag, der einst der SED gehörte und in dem gleich zwei Berliner Tageszeitungen erscheinen, befindet sich in der wohl schwersten Krise seiner Geschichte. Nachdem ihn die DuMont-Mediengruppe an das aus der DDR stammende Ehepaar Friedrich verkauft hatte, wurden die Neulinge im Verlagsgeschäft zunächst mit viel Wohlwollen betrachtet. Als sich die beiden in ihrer ersten Ausgabe überschwänglich beim letzten SED-Generalsekretär Egon Krenz für sein Agieren beim Mauerfall bedankten, kam es zu ersten Irritationen. Wenig später wurde Holger Friedrich als ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi enttarnt. Doch während sich der Verlag in ähnlichen Fällen von dem Betreffenden trennte, geht das diesmal nicht – denn er ist der Besitzer.

Dank an Egon Krenz – Band II des IM-Vorgangs von Verleger Holger Friedrich alias IM “Peter Bernstein”

IM-Vorgang mit 130 Seiten

Ob das hektische Krisenmanagement geeignet ist, den enormen Imageschaden der letzten Tage wieder gut zu machen, bleibt abzuwarten. Die Glaubwürdigkeit des Verlages wurde nachhaltig beschädigt. Schaut man in den IM-Vorgang des Verlegers – er umfasst zwei Bände mit insgesamt 130 Seiten, von denen die Stasi-Unterlagen-Behörde 82 Seiten herausgegeben hat –, wachsen zudem die Zweifel, ob sie jemals wieder hergestellt werden kann. Denn die Unterlagen widersprechen erheblich der Darstellung, die der Verleger vergangene Woche um 13:34 Uhr ins eigene Blatt hob, während er seine eigene Redaktion erst am frühen Nachmittag über seine Stasi-Tätigkeit informierte. Eine kritische Überprüfung durch die Redaktion anhand des IM-Vorgangs konnte schon deshalb nicht erfolgen, weil die Chefredakteure erst zwei Tage später ankündigten, die Akten einsehen zu wollen.

In der Stellungnahme, mit der er kritischen Zeitungsberichten zuvorkommen wollte, hatte Friedrich erklärt, er sei in seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee unter dem Verdacht der Republikflucht verhaftet worden. Er diente damals als Unteroffizier auf Zeit bei der 3. Luftverteidigungsdivision der Luftstreitkräfte im Norden von Brandenburg. Die Stasi hätte gegen ihn überdies den Vorwurf der Fahnenflucht und des bewaffneten Grenzdurchbruchs erhoben. Er hätte deshalb nur die Option gehabt, eine mehrjährige Haftstrafe zu riskieren – oder seine Bereitschaft zur „Wiedergutmachung“ zu erklären.

Bereitschaft zur Wiedergutmachung – Erklärung von Holger Friedrich In eigener Sache vom 15. November 2019

In Friedrichs IM-Vorgang, in dessen ersten Band die Kontaktaufnahme der Stasi ausführlich beschrieben wird, liest sich das deutlich anders. Von Republikflucht oder gar einem bewaffnetem Grenzdurchbruch ist dort nirgendwo die Rede. Ob in den übrigen Stasi-Unterlagen, über deren Verwendung nur Friedrich entscheiden kann, etwas anderes steht, weiß niemand zu sagen, da er sie bislang nicht veröffentlicht hat – entgegen der ausdrücklichen Empfehlung der früheren Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler (Stand: 04.02.20).

Die Stasi leitete auch nicht wie sonst üblich ein Ermittlungsverfahren ein. Im Vorschlag zur Werbung heißt es lediglich, dass er gemäß § 254 des Strafgesetzbuches „operativ bearbeitet“ worden sei. Nach diesem Paragraphen wurde bestraft, „wer seine Truppe, seine Dienststelle oder einen anderen für ihn bestimmten Aufenthaltsort verlässt oder ihnen fernbleibt, um sich dem Wehrdienst zu entziehen.“ Friedrich ging straffrei aus.

Eine Verhaftung Friedrichs, die auch in der DDR von einem Haftrichter hätte bestätigt werden müssen, wird in dem IM-Vorgang ebenfalls nicht erwähnt. Ob seine Behauptung stimmt, dass er zwei Tage in einem Stasi-Objekt verhört und „in einem Militärgefängnis des Regimentes Parchim“ zehn Tage inhaftiert wurde, kann nicht überprüft werden, da er dazu bislang ebenfalls keine Unterlagen veröffentlicht hat (Stand: 04.02.20). Das einzige Militärgefängnis der DDR befand sich zudem in Schwedt.

Aus dem Bericht über das erste Kontaktgespräch mit dem Kandidaten geht statt dessen hervor, dass er eine Disziplinarstrafe erhalten hatte und sich in seiner Kaserne vorübergehend im Arrest befand. Von dort wurde er zum ersten Kontaktgespräch geholt. Im Auskunftsbericht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) heißt es außerdem ausdrücklich: „Der Genannte wurde auf der Grundlage der politischen Überzeugung zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet.“

Lesen Sie hier den vollständigen Auskunftsbericht der Stasi über den IMS “Peter Bernstein”

Mehrere Personen schwer belastet

In seiner Zeitung hatte Friedrich den Eindruck erweckt, dass er lediglich über „Testpersonen“ berichtet hätte, weil die Stasi ihn hätte überprüfen wollen. Angeblich sollte er dazu auch „Religionshandlungen“ oder „gegen die Dienstvorschriften verstoßende Praktiken“ melden. Auch dafür findet sich in dem IM-Vorgang keine Bestätigung. Sie Stasi überprüfte lediglich, ob Friedrich bereit sei, seine mündlichen Berichte auch aufzuschreiben – was er bereitwillig tat. Im Anwerbevorschlag wird außerdem angekündigt, dass Friedrich durch einen IM-Kandidaten auf seine Zuverlässigkeit überprüft werden soll. Doch fast alle Berichte Friedrichs betreffen Personen, die mit der Stasi nichts zu tun hatten – und die er zum Teil schwer belastete.

Nur über “Testpersonen” berichtet – Soldaten der Nationalen Volksarmee in einer Kaserne in Oranienburg 1979

Bereits in seinem ersten handschriftlichen Bericht denunzierte er einen Unteroffizier, der fehlende Zubehörteile aus Fahrzeugen der „Ministerreserve“ ausbauen ließ, wodurch „eine Beeinträchtigung der Gefechtsbereitschaft“ entstanden sei. Im zweiten Bericht informierte er über einen Soldaten, der Westverwandtschaft habe und im Urlaub einen ungültigen Personalausweis benutze. Im dritten Rapport gab er ein Gespräch mit einem Heizer wieder, der die Verbrennung von Rohbraunkohle als „Schweinerei für die Umwelt“ bezeichnet habe. Zufrieden hielt der Führungsoffizier fest: „Er belastet in den Gesprächen Personen aus seinem Umgangskreis.“

Lesen Sie hier die handschriftlichen Berichte und die Verpflichtungserklärung von Holger Friedrich

Friedrichs Darstellung, er hätte nicht „aktiv“ für die Stasi gearbeitet, ist demnach falsch. Der Führungsoffizier lobte vielmehr regelmäßig seine Pünktlichkeit, seine Zuverlässigkeit und seine „Treffdisziplin“. Wenn er keinen Ausgang aus der Kaserne gehabt hätte, hätte er sich selbständig eine “Legende” zur Tarnung überlegt. Konnte ein Treffen nicht stattfinden, hätte er sich nach kürzester Zeit von selbst gemeldet, um einen neuen Termin zu verabreden. Wenn er mal einen Auftrag nicht erfüllen konnte, dann hätte dies immer „objektive Gründe“ gehabt. Im Auskunftsbericht heißt es zusammenfassend: „In der bisherigen Zusammenarbeit mit Genannten hielt sich dieser an die erteilten Instruktionen und erfüllte die ihm gestellten Aufträge in guter Qualität.“

Dass die Bespitzelten keine „Testpersonen“ waren, kann man auch daran erkennen, dass der Führungsoffizier aufgrund von Friedrichs Berichten oftmals konkrete Maßnahmen festlegte. Im Fall des Heizers sollte der IM-Kandidat „auf der Grundlage vertraulicher Beziehungen“ dessen „politisch-negative Handlungsweisen“ herausarbeiten. Ein Bericht über einen Stromversorgungsmechaniker erhielt die Stasi in Cottbus. Eine Einschätzung zu zwei kirchlich aktiven Soldaten übergab Friedrichs Führungsoffizier an seinen zuständigen Kollegen.

“Erfüllte die ihm gestellten Aufgaben in guter Qualität” – Militärrat des Kommandos der Luftstreitkräfte der DDR

Was von der Aussage des Verlegers zu halten ist, dass er sich einem der von ihm bespitzelten Soldaten „offenbart“ und mit ihm „abgestimmt“ hätte, welche Nachrichten er weiterleitet, lässt sich wohl erst dann beurteilen, wenn sich dieser selbst öffentlich zu den Geschehnissen äußert; bislang hat er dies nicht getan (Stand: 04.02.2019). Auch im IM-Vorgang findet sich keinerlei Hinweis darauf. Die Tatsache, dass Friedrich seinem Führungsoffizier erzählte, dass sich der Bruder des Soldaten mit Ausreisegedanken trage, macht dies aber eher unwahrscheinlich –  denn dann müsste der Soldat seinen eigenen Bruder bei der Stasi angeschwärzt haben.

Werbung aufgrund politischer Überzeugung

Die Bereitschaft Friedrichs zur Berichterstattung wurde vom Führungsoffizier so positiv eingeschätzt, dass er im März 1988 einen ausführlichen Werbevorschlag verfasste. Danach sei die Werbung insbesondere zum zielgerichteten Einsatz gegen einen kirchlich gebundenen Soldaten erforderlich. Der Offizier berichtet zwar, dass Friedrich auf der Grundlage der „Wiedergutmachung“ kontaktiert worden sei und „besonders im persönlichen Bereich noch ein gewisses Zögern bei der Beantwortung gestellter Fragen zu spüren“ sei. Doch gleichzeitig hebt er dessen Bereitschaft zur Berichterstattung „aus seinem unmittelbaren Umgangskreis“ hervor. Ausdrücklich erklärt er, dass die Werbung auf der Grundlage der politischen Überzeugung durchgeführt werden solle. Wenig später kann er eine anderthalbseitige Verpflichtungserklärung Friedrichs, der bei seinen Berichten hinfort den Decknamen „Peter Bernstein“ nutzen will, zu den Akten nehmen.

Lesen Sie hier den vollständigen Vorschlag der Stasi zur Werbung von Holger Friedrich als IMS “Peter Bernstein” sowie den Bericht über die durchgeführte Werbung

In der Folgezeit liefert der IM bereitwillig weitere Berichte. In seinem letzten Treffbericht vom 25. August 1988 hält der Führungsoffizier fest, dass Friedrich über „operativ zu beachtende Handlungs- und Verhaltensweisen“ eines anderen Soldaten informiert hätte, weshalb dieser strafrechtlich belehrt werden solle. Ein zweiter Bericht sei „zielgerichtet erarbeitet“ worden, um die Eignung eines Soldaten als Informanten zu prüfen.

Berichte „aus seinem unmittelbaren Umgangskreis“ – Ehrenparade der NVA in Berlin am 7. Oktober 1988 (1)

Doch danach muss es plötzlich zu Problemen gekommen sein. In der IM-Akte klafft jedenfalls eine sechsmonatige Lücke, für die sich keine Erklärung findet. Vermerkt wird nur am 21. Dezember 1988, dass der Vorgang an einen anderen Mitarbeiter übergeben worden sei. Und diesem gelang es nicht mehr, ein vertrauensvolles Verhältnis zu dem mehrfach als „überheblich“ und „von sich selbst eingenommen“ geschilderten Friedrich herzustellen. Sein Vorgänger hatte ihm noch mit auf den Weg gegeben, dass man dem Informanten nicht einfach „mit Phrasen kommen“ könne, da er vorrangig Kontakt zu Berliner „Intelligenzlern“ hätte. Doch wenn man mit ihm ruhig und sachlich diskutiere, sei er auch auskunftsbereit und berichte aus seinem unmittelbaren Umgangskreis.

Dass sich Friedrich, wie er behauptet, „aktiv dekonspiriert“ und deshalb eine Verwarnung erhalten hätte, steht nicht in der IM-Akte. Normalerweise hätte dies vermerkt werden müssen. Statt dessen schreibt der Führungsoffizier noch im Dezember 1988, dass der IM „gegenwärtig“ eingesetzt werde, um einem Soldaten Fluchtabsichten nachzuweisen. Zu einem in der IM-Akte dokumentierten Treffen mit dem Nachfolger kommt es jedoch erst im Februar 1989 – es sollte das letzte sein.

Unehrlicher Umgang mit Stasi-Vergangenheit

Im Abschlussbericht vom 15. September 1989 heißt es: „Ausgehend von einem Wechsel des Mitarbeiters entzog sich der IMS der weiteren Zusammenarbeit unter dienstlichen Vorwänden.“ Er habe mehrmals betont, „dass er die Zusammenarbeit mit dem MfS nicht auf freiwilliger Basis angefangen hat.“ Immer mehr habe sich bei ihm die Einstellung herausgebildet, „dass seine Handlung nicht mehr mit seinem Gewissen zu vereinbaren ist.“ Am 29. Oktober 1989 kommt die Akte „Bernstein“ deshalb ins Archiv.

Lesen Sie hier den vollständigen Abschlussbericht zum IM-Vorgang “Peter Bernstein”

Nach gründlicher Lektüre des IM-Vorgangs kommt man zu dem Schluss, dass der Verleger Holger Friedrich sicher kein Spitzenagent der Stasi war. Gleichwohl hat er eine ganze Reihe nichts ahnender Menschen an die Geheimpolizei der DDR verraten. Dies als “Mini-mini-Episode” zu verharmlosen, wie es der neue Herausgeber der Berliner Zeitung, Michael Maier, in einem Interview tat, wird der Sache in keiner Weise gerecht. Nach mehreren Monaten der inoffiziellen Zusammenarbeit hat sich Friedrich dieser wieder entzogen, was ihm zweifellos positiv anzurechnen ist. Das Verstörende am Fall Friedrich ist deshalb weniger das Ausmaß seines Verrates als sein selbstgerechter, unehrlicher Umgang damit. Für die Berliner Zeitung und den Berliner Kurier, die jetzt einem ehemaligen Stasi-Informanten gehören, ist dies eine schwere Hypothek.

Der Text erschien zuerst in: FOCUS online vom 21. November 2019. Aktualisiert am 27.11.2019, 22:45 Uhr, sowie am 04.02.2020, 19:22 Uhr, und am 08.02.2020, 18:06 Uhr.

Der Text wurde am 4. und 8. Februar 2020 leicht korrigiert, da Holger Friedrich juristische Schritte gegen den Autor eingeleitet hat. Obwohl aus der Überschrift, dem Vorspann und dem Text hervorgeht, dass es sich ausschließlich um eine Analyse des IM-Vorgangs des Verlegers handelt (andere Unterlagen waren zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht bekannt), wurde der Begriff “Stasi-Akte” nun durch “IM-Akte” bzw. “IM-Vorgang” ersetzt. Auf diese Weise sollte rechtlichen Streitigkeiten aus dem Weg gegangen werden. Der Anwalt des Verlegers teilte allerdings am 5. Februar 2020 mit, dass er dennoch seinem Mandanten empfehlen wolle, gerichtliche Schritte gegen den Autor einzuleiten, wenn dieser bis zum folgenden Tag keine Unterlassungserklärung abgebe. Eine Bitte um Fristverlängerung lehnte er ab. Das Unterlassungsbegehren wurde nur gegen den Autor und nicht gegen “Focusonline” gerichtet, wo der Text zuerst erschien. Dieses Vorgehen ist äußerst ungewöhnlich und nach Meinung des Autors ein Versuch, ihn einzuschüchtern, um eine kritische Auseinandersetzung mit der Stasi-Tätigkeit des Verlegers zu unterbinden.

(1) Bundesarchiv, Bild 183-1988-1007-012 / Klaus Oberst / CC-BY-SA 3.0

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