Feindbild Israel

Jassir Arafat besucht im November 1971 das Brandenburger Tor in Ost-Berlin. Es steht im Grenzgebiet der DDR, das DDR-Bürger nicht betreten dürfen.
Gern gesehener Gast der DDR - PLO-Chef Jassir Arafat (4.v.r.) am Brandenburger Tor im November 1971 (1)

Ein mutmaßlicher Rechtsextremist wollte in einer Synagoge ein Massaker anrichten. Der Anschlag von Halle wirft die Frage auf: Woher kommt ein derartiger Judenhass? Eine Wurzel könnte in der jahrzehntelangen antizionistischen Propaganda in der DDR liegen, deren Geheimpolizei auch arabische Terrororganisationen unterstützte. Darüber wollte eine Veranstaltung in Berlin aufklären – ausgerechnet mit einer ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin.

Von Hubertus Knabe

Das Neue Deutschland würdigte die Visite auf der ersten Seite: PLO-Chef Jassir Arafat, so berichtete das Zentralorgan der SED am 8. August 1974, habe palästinensische Kinder in der „Pionierrepublik“ am Werbellinsee besucht. Thälmannpioniere aus allen DDR-Bezirken hätten dem Mann, der sein ganzes politisches Leben der Vernichtung Israels gewidmet hatte, einen „herzlichen Empfang“ bereitet.

Kein anderes Land Europas hat die militanten Gegner Israels so offen und nachhaltig unterstützt wie die DDR. Obwohl Arafats Fatah-Bewegung zahlreiche terroristische Anschläge auf israelische und weitere Ziele verübte, war er ein gern gesehener Gast im SED-Staat. Die DDR erkannte nicht nur als erster europäischer Staat die PLO an, sondern unterstützte sie auch mit umfangreichen Waffenlieferungen. Die „Männerfreundschaft“ zwischen Arafat und SED-Chef Erich Honecker währte bis zum Schluss – wie Fotos vom gespenstischen Staatsempfang am 7. Oktober 1989 im Ost-Berliner Palast der Republik zeigen.

Umfangreiche Waffenlieferungen – Erich Honecker (stehend) und Jassir Arafat (r.) am 7. Oktober 1989 (2)

Als Jassir Arafat die Thälmannpioniere besuchte, bahnte sich in der DDR noch eine andere langjährige Beziehung an. Am 12. Juni 1974 unterschrieb die angehende Lateinamerikanistik-Studentin Anetta Kahane eine Verpflichtungserklärung als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) beim DDR-Staatssicherheitsdienst. Mit schwungvollen Lettern gab sie zu Protokoll: „Hiermit erkläre ich mich bereit, auf freiwilliger Basis mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten. Ich verpflichte mich, mit niemandem über diese Verbindung zu sprechen. Aus Sicherheitsgründen wähle ich mir den Decknamen Victoria.“ Ihr mehrbändiger IM-Vorgang, in dem über 70 Treffberichte und handschriftliche Mitteilungen abgeheftet sind, umfasst rund 800 Seiten.

Kahane, die heute die Amadeu Antonio Stiftung leitet, sollte Mitte Oktober in Berlin noch einmal zurückblicken auf die Geschichte des SED-Staates. Dabei ging es allerdings nicht um ihre achtjährige Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst, sondern um das Verhältnis der DDR zu Israel und den Juden. „70 Jahre nach der Staatsgründung der DDR“, so hieß es in der Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Berlin-Brandenburg, solle geklärt werden, wie es möglich war, „dass dieser Staat Israel als feindlichen ‚Aggressor‘ ansah und bekämpfte.“ Ihre Arbeit als Stasi-Informantin, die sie 1982 beendete, wurde in der Einladung verschwiegen.

Unerwähnte Stasi-Tätigkeit – Die Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung Anetta Kahane (3)

Dass ausgerechnet eine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin über die Israel-Feindschaft der DDR Auskunft geben sollte, dürfte in den Ohren geschichtsbewusster Israelis wie bittere Ironie klingen. Denn die Stasi spielte eine zentrale Rolle beim verdeckten Krieg palästinensischer Terrororganisationen gegen den jüdischen Staat. Sie unterstützte nicht nur Arafats PLO, sondern diente israelfeindlichen Terroristen aller Couleur als Rückzugsort, Ausbildungsstätte und Operationsbasis.

“Palästinensische Kämpfer,” so erklärte der stellvertretende Stasi-Minister Markus Wolf freimütig in seinen Erinnerungen, „wurden vom Ministerium für Staatssicherheit in die auf dem Land versteckten Lager in Ostdeutschland eingeladen, um in Spionage und Gegenspionage, in Waffen- und Sprengstoffgebrauch und Guerillataktiken ausgebildet zu werden.“ Die dafür zuständige Hauptabteilung XXII sei seit Ende der 1970-er Jahre rasch auf 800 Mitarbeiter angewachsen. Hinzuzählen muss man noch Wolfs eigene Agenten, die unter anderem den sozialistischen Sicherheitsdienst im Südjemen aufbauten, wo zahlreiche Terroristen in speziellen Lagern ihre Ausbildung erhielten.

Ausbildung im Waffengebrauch – Ex-Spionagechef Markus Wolf (Mi.) bei einer PDS-Vorstandssitzung 1990 (4)

Wie sehr die DDR den anti-israelischen Terror unterstützt hat, ist erst in den letzten Jahren in seinen ganzen Ausmaßen sichtbar geworden. 2017 erschien Lutz Maekes voluminöse Dissertation „DDR und PLO“, in der unter anderem rekonstruiert wird, wie die Stasi in den Anschlag auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“ verwickelt war; drei Menschen wurden dabei getötet. Im selben Jahr kam auch Matthias Bengtson-Krallerts Doktorarbeit „Die DDR und der internationale Terrorismus“ heraus, der unter anderem zu entnehmen ist, dass der SED-Staat der PLO sogar solche Waffen lieferte, die ihr die Sowjetunion verweigerte. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch Unerklärte Kriege gegen Israel“ schreibt der amerikanische Historiker Jeffrey Herf, dass die verzerrten Darstellungen Israels und die Rechtfertigung des Terrors durch die DDR – und die westdeutsche radikale Linke – „ein toxisches ideologisches Gebräu hinterlassen“ hätten, das bis in die Gegenwart wirke. Dass die Stasi dabei nicht nur palästinensischen, sondern auch rechten und linken Terroristen aus Deutschland zu Hilfe kam, hatte Regine Igel schon 2012 in ihrem Buch „Terrorismus-Lügen“ offen gelegt.

“Toxisches ideologisches Gebräu” – PLO-Chef Jassir Arafat bei DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker 1982 (5)

Die verdeckte Zusammenarbeit der Stasi mit den diversen Terrorgruppen entfaltete sich just in jenen Jahren, als Anetta Kahane die Geheimpolizei der SED hemmungslos mit Informationen über Freunde und Bekannte versorgte. Während die SED ein Abkommen mit der PLO abschloss, in dem sie sich zu größerer Unterstützung verpflichtete, berichtete Kahane von Botschaftsempfängen und DDR-Bürgern, die „potentiell für staatsfeindliche Handlungen“ infrage kämen. Und als die Stasi ihre Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst der PLO sogar vertraglich fixierte, bespitzelte sie gerade zwei West-Berliner Journalisten, die sich mit ihr angefreundet hatten.

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In dieser Zeit arbeitete die DDR nicht nur mit der PLO eng zusammen, sondern auch mit der linken „Volksfront zur Befreiung Palästinas“. Deren Anführer Wadi Haddad war ein KGB-Agent, der unter anderem für die Entführung des Flugzeugs „Landshut“ zur Unterstützung der RAF-Terroristen  im Jahr 1977 verantwortlich gemacht wird. Er starb ein Jahr später in Ost-Berlin, wahrscheinlich an einer Vergiftung, doch seine Organisation führte auch danach weiter Anschläge durch. Einer davon galt 1982 dem West-Berliner Restaurant „Mifgash“, bei dem 25 Menschen verletzt und ein Mädchen getötet wurden.

Anschlag auf das Restaurant “Mifgash” – Bericht von IM “Victoria” über einen West-Berliner Journalisten

Ab 1980 begann die DDR auch mit dem Terroristen Abu Nidal zu kooperieren, dessen Organisation allein für mehr als 100 Anschläge in 20 Ländern verantwortlich gemacht wird. Die Stasi führte – und bezahlte – ihn seit 1981 als IM „Ibrahim“. Zudem gestattete sie ihm einen lukrativen illegalen Waffenhandel, für dessen Abwicklung er am Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße ein eigenes Büro unterhielt. Nidal, der 1985 von Stasi-Minister Erich Mielke persönlich empfangen wurde, durfte sogar elektronische Bauteile zur Herstellung von Bomben in die DDR einführen.

Mitglieder von Nidals Organisation erhielten 1985 auch eine mehr als dreimonatige Ausbildung im Stasi-„Objekt 74“. Das abgelegene ehemalige Forsthaus bei Briesen war ein bedeutender Unterschlupf und Ausbildungsort für Terroristen aller Art. Anfang der 1980er Jahre unterrichtete die Stasi dort unter anderem den RAF-Terroristen Christian Klar im Schießen, in Sprengstofftechnik und in der Handhabung einer Panzerfaust.

Ausbildungsort für Terroristen – Bar im Konspirativen “Objekt 74” des DDR-Staatssicherheitsdienstes bei Briesen (6)

Auch der Rechtsterrorist Odfried Hepp, der als IM „Friedrich“ für die Stasi arbeitete, wurde in dem idyllischen Haus einquartiert. Er war – wie diverse RAF-Terroristen – in der DDR untergetaucht, als Interpol nach ihm fahndete. Obdach bot die Stasi hier auch dem Rechtsextremisten und PLO-Vertrauten Udo Albrecht, der im Sommer 1981 in die DDR flüchtete und seitdem verschwunden ist. Nicht nur in diesen Fällen hatte die Stasi keine Scheu, mit Rechtsradikalen aus der Bundesrepublik zu kooperieren oder sogar selber Drohbriefe an Holocaust-Überlebende in Westdeutschland zu schreiben.

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Wie sehr die Stasi in den arabischen Terrorismus involviert war, zeigte sich nach dem Ende der DDR bei einem Prozess, als der ehemalige Leiter der Stasi-Hauptabteilung XXII/8, Helmut Voigt, wegen Beihilfe zum Mord zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Er hatte 1983 einem Libanesen den Sprengstoff für einen Anschlag auf das Kulturzentrum “Maison de France” in West-Berlin geliefert, bei dem ein Mensch getötet und 23 Personen verletzt worden waren.

Sprengstoff von der Stasi – Anschlagsort Maison de France am Kurfürstendamm in West-Berlin (7)

Auch bei der Vertuschung von Antisemitismus und Neonazismus im eigenen Land spielte die Stasi eine wichtige Rolle. Wer die Arbeiten des Historikers Harry Waibel liest, zum Beispiel sein Buch „Die braune Saat“, ist geradezu erschrocken über die nicht enden wollende Zahl von Friedhofsschändungen und antisemitischen Vorfällen, die in der DDR fast immer geheim gehalten wurden. Sie korrespondierten mit einer aggressiven antizionistischen Hetze von oben, die oft genug mit antisemitischen Stereotypen gespickt war.

Die SED-Führung scheute sich nicht einmal, Israel mit Hitler-Deutschland auf eine Stufe zu stellen. 1970 erklärte etwa Agitationschef Albert Norden, selber Sohn eines Rabbiners, dass “der Mord an den Arabern durch Israel ebenso verdammenswert“ sei wie der Mord an den Juden durch Hitler. Und als Israel im Oktober 1973 den Überraschungsangriff am jüdischen Versöhnungsfest Jom Kippur zurückschlug, sprach ein Kommentator der Stimme der DDR von der „Nazi-Luftwaffe Israels“. Mit ähnlicher Zielrichtung titelte das Neue Deutsch­land 1982 nach den Massakern libanesischer Milizen in zwei Beiruter Flüchtlingslagern: „Israel betreibt die Endlösung der Palästina-Frage.“

“Verdammenswert wie Hitlers Judenmord” – Agitationschef Albert Norden bei DDR-Bereitschaftspolizisten 1961 (8)

Diese Vergangenheit in einer Veranstaltung aufzuarbeiten, ist zweifellos ein lobenswertes Unterfangen. Wie sehr die DDR den Kampf gegen den jüdischen Staat unterstützt hat, ist in Deutschland nämlich kaum bekannt. Stattdessen trifft man immer noch auf den verlogenen Mythos vom antifaschistischen Staat, während in der Bundesrepublik „alte Nazis“ das Geschehen bestimmt hätten. Der wirre Hass auf „die“ Juden, wie er am Mittwoch beim Anschlag auf die Synagoge in Halle zum Ausdruck kam, ist auch eine Folge der unterbliebenen Auseinandersetzung Ostdeutschlands mit dieser Geschichte. Sie wird jedoch unglaubwürdig, wenn sie ausgerechnet von einer ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin geführt wird.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Berlin-Brandenburg verteidigte die Einladung Kahanes im Vorfeld der Veranstaltung. Auf Facebook schrieb sie, “es muss möglich sein, eine Jüdin aus der DDR, die sich bereits 1983 von ihrer Tätigkeit als IM distanziert und auch öffentlich entschuldigt hat, zu einer Veranstaltung zum Thema Juden in der DDR einzuladen.” In einem Rechtsstreit gegen das Magazin Focus hatte Kahane allerdings erklärt, sie habe erst 1990 einige Personen über ihre Stasi-Tätigkeit informiert. Öffentlich wurde ihre Stasi-Tätigkeit zeitgenössischen Presseberichten zufolge sogar erst 2002, als sie Ausländerbeauftragte in Berlin werden sollte. Auf der Veranstaltung selbst behauptete sie einem Bericht zufolge zudem, sie habe in all den Jahren niemandem geschadet – obgleich sich aus der Akte ein ganz anderer Eindruck ergibt. Wenn die Aufarbeitung des Feindbilds Israel in der DDR mit so vielen Unwahrheiten beginnt, so verheißt das wenig Gutes.

Der Text erschien zuerst in: Tichys Einblick vom 13. Oktober 2019, ein weiterer zum Thema in: Neue Züricher Zeitung vom 11. Oktober 2019.

Aktualisiert am 20.10.2019, 23:33 Uhr.

(1) Bundesarchiv, Bild 183-K1102-032 / Franke, Klaus / CC-BY-SA 3.0
(2) Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-068 / CC-BY-SA 3.0
(3) © Raimond Spekking /
CC BY-SA 4.0
(4) Bundesarchiv, Bild 183-1990-0106-005 / Settnik, Bernd / CC-BY-SA 3.0
(5) Bundesarchiv, Bild 183-1982-0310-027 / CC-BY-SA 3.0
(6) MfS-HA-IX-Fo-0593-Bild-0275_C9826B6ED83B4814B334E23EF5EB7E35
(7) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin-charlottenburg_maison-de-france_20050406_p1020321.jpg
(8) Bundesarchiv, Bild 183-85690-0004 / Hesse, Rudolf / CC-BY-SA 3.0

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