Kleiner starker Mann

Mehr als zehn Jahre in Haft - Stele für den ehemaligen Widerstandskämpfer und Sozialdemokraten Horst Jänichen in Berlin

Den Hunger hat er überlebt, das Corona-Virus nicht. Am 3. Februar wird der letzte Überlebende des sowjetischen Lagers in Hohenschönhausen in Berlin beigesetzt. Ein Nachruf.

Von Hubertus Knabe

Er war fast noch ein Kind, als er verhaftet wurde. Am letzten Tag der Osterferien klingelten gegen sechs Uhr morgens zwei Männer an der Wohnungstür des 15jährigen Horst Jänichen in Berlin-Lichtenberg. Sie befahlen dem schmächtigen Jungen, eine Decke und ein Kopfkissen einzupacken, und brachten ihn in einen Keller, den die sowjetische Geheimpolizei in ein Gefängnis umfunktioniert hatte. Es war der 23. April 1946 – ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit der Festnahme begann für den Berliner Schüler eine mehr als zehnjährige Odyssee durch ostdeutsche Haftanstalten. Im Mai kam er in das sowjetische Lager in Hohenschönhausen, im Oktober wurde er nach Sachsenhausen gebracht. In den „Sterbelagern“, wie er sie später genannt hat, verhungerten damals Tausende Menschen – doch wie durch ein Wunder überlebte der Jugendliche.

Den Hunger überlebt – Horst Jänichens Baracke im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin (1)

Die Verhöre in dem Keller, begleitet von Ohrfeigen und Fußtritten, hat Horst Jänichen nie vergessen können. Noch Jahre später weckte ihn seine Frau manchmal auf, weil er im Schlaf laut schrie. Die Geheimpolizisten hatten dem Jungen damals den absurden Vorwurf gemacht, einer nationalsozialistischen Untergrundorganisation, dem Werwolf, anzugehören.

Im Juli 1948 wurde Horst Jänichen wieder freigelassen. Als der inzwischen 17jährige nach Hause kam, erfuhr er, dass seine Mutter kurz nach seiner Verhaftung gestorben war – das zweite Trauma, das ihn sein Leben lang verfolgte. In West-Berlin berichtete er der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit über die Zustände in den Lagern. Anders als im Nationalsozialismus wollte er nun nicht mehr wegsehen, wenn Unrecht geschah. In Ost-Berlin legte er deshalb Flugblätter aus und malte ein „F“ (für Freiheit) an die Hauswände. Am 1. Mai 1949 zündete er auf dem Alexanderplatz sogar Pappraketen, die über der „Kampfdemonstration“ der SED Zettel mit kritischen Sprüchen herunterrieseln ließen.

Acht Jahre Zuchthaus

Im Dezember 1950 wurde Horst Jänichen erneut verhaftet, diesmal vom DDR-Staatssicherheitsdienst. Nach wochenlangen Verhören wurde er zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Gericht warf ihm vor, durch „Verbreitung tendenziöser Gerüchte den Frieden in Deutschland und der Welt gefährdet“ zu haben. Die Haft musste er bis zum letzten Tag absitzen, unter anderem im Gefängnis Rummelsburg – wo heute eine Stele an ihn erinnert.

„Verbreitung tendenziöser Gerüchte“ – Ehemalige Strafvollzugseinrichtung Berlin-Rummelsburg, heute Wohnhäuser

Als Horst Jänichen im Januar 1959 aus der Haft entlassen wurde, begann sein zweites, eigentliches Leben. Er fuhr nach West-Berlin, wo er im Notaufnahmelager Marienfelde unterkam. Er engagierte sich in der SPD, bekam eine Stelle im Ministerium für gesamtdeutsche Beziehungen, wurde Mitglied des Abgeordnetenhauses und später Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung in Berlin-Tiergarten. Er war mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz befreundet, kannte Willy Brandt und Egon Bahr, kurz: wurde zum Urgestein der Berliner SPD.

Als das Regime der SED 1989 zusammenbrach, begann Horst Jänichens drittes Leben. Er organisierte damals einen Bagger und riss an der Bernauer Straße eigenhändig ein Loch in die Mauer. Zusammen mit anderen Verfolgten setzte er sich dafür ein, dass das von der Stasi übernommene Lager in Hohenschönhausen zur Gedenkstätte wurde – durch die er später zwanzig Jahre lang Besucher führte. Auch in Sachsenhausen, wo er dem Beirat der Gedenkstätte angehörte, machte er nun selber Führungen. Wegen seines Einsatzes erhielt er 2014 den Verdienstorden des Landes Brandenburg.

Zwanzig Jahre lang Besucher geführt – Horst Jänichen bei der Verleihung des Brandenburgischen Verdienstordens

Sein Humor, sein verschmitztes Lächeln und sein bescheidenes Auftreten machten den kleinen Mann bei vielen beliebt. Oft erkannte man schon am Zucken seiner Mundwinkel, dass er jetzt eine seiner trockenen Bemerkungen machen würde. Die lange Haft hatte ihn nicht verbittert, sondern gelassener gemacht. „Wenn ich Ärger mit Vorgesetzten hatte“, erzählte Horst Jänichen einmal, „habe ich mir immer vorgestellt, wir säßen zusammen im Lager. Da verflog die Angst, denn da war jeder nur ein Mensch.“ Nur einmal war es mit seiner Gelassenheit vorbei – als die SPD 2001 in Berlin mit der in PDS umbenannten SED eine Regierung bildete. Da verließ er aus Protest die Partei, der er 40 Jahre angehört hatte.

Am 24. Dezember starb Horst Jänichen an den Folgen einer Corona-Infektion. 14 Tage später kam die Aufforderung an, sich impfen zu lassen. Der letzte Überlebende aus dem Lager Hohenschönhausen wird am 3. Februar auf dem Luisenkirchhof in Charlottenburg beigesetzt.

Der Text erschien zuerst in: Berliner Morgenpost vom 1. Februar 2021

(1) Denis Apel, CC BY-SA 3.0

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