Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt könnte die AfD erstmals die absolute Mehrheit gewinnen. Mit der DDR-Vergangenheit hat das wenig zu tun. Die Ursachen liegen vor allem im Versagen der anderen Parteien.
Von Hubertus Knabe
Sepp Müller hat es nicht leicht in diesen Tagen. Wann immer der Vizefraktionschef der Union beim Kurznachrichtendienst X einen Post absetzt, hagelt es wütende Antworten. „Ihr habt jegliche Glaubwürdigkeit verloren“, ist da noch eine der harmloseren Reaktionen.
Die digitale Wut spiegelt die Stimmung in Müllers Heimat wider: Sachsen-Anhalt galt lange Zeit als Stammland der CDU. Seit 2002 stellt die Partei den Ministerpräsidenten, Wolfgang Böhmer und Reiner Haseloff genossen als Landesväter hohes Ansehen. Doch von diesem Renommee ist wenig geblieben. In Umfragen ist die CDU von 37,1 bei der Landtagswahl 2021 auf wenig mehr als 20 Prozent abgesackt.
Dem Absturz der Christdemokraten steht der rasante Aufstieg der AfD gegenüber. Bereits bei der Landtagswahl 2016 erzielte sie mit 24,3 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis in Deutschland. Zwar gelang es der CDU mit Haseloff 2021, die Werte der AfD wieder etwas zu drücken. Doch seit Ende 2023 kennt die Kurve fast nur noch eine Richtung – nach oben. Jetzt steht die AfD bei historischen 40 und mehr Prozent.

Einige Beobachter führen diese Entwicklung auf Nachwirkungen der DDR zurück. Dem Sozialpsychologen Wilhelm Heitmeyer zufolge gewinnt die AfD gerade in Ostdeutschland „bei den autoritär sozialisierten Menschen“, die „aufgrund der Wende viele Brüche in ihrer Lebensbiografie und oft Anerkennungsverluste erfahren“ hätten. Andere, wie der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, erklären die AfD-Wähler kurzerhand alle zu „Faschisten“.
Die Wähler der AfD
Wie Wahlanalysen zeigen, hat der Erfolg der AfD mit der DDR jedoch wenig zu tun. Bei der Landtagswahl 2021 war die AfD in Sachsen-Anhalt gerade bei den mittleren Altersgruppen erfolgreich. Sowohl bei den 25- bis 34-Jährigen als auch bei den 35- bis 44-Jährigen – die die DDR bestenfalls aus Kindheitstagen kennen – kam sie auf überdurchschnittliche 28 Prozent. Von den über 70-Jährigen, die tatsächlich vom Sozialismus geprägt wurden, wählten dagegen nur elf Prozent AfD.
Auch bei der Bundestagswahl 2025 fiel die Zustimmung für die AfD bei den über 70-Jährigen mit 21,7 Prozent am geringsten aus. Demgegenüber votierten mit fast 44 Prozent die 35- bis 44-Jährigen am häufigsten für die Partei. Als die sozialistischen Staatsbetriebe zusammenbrachen, waren sie maximal elf Jahre alt. Dass fast die Hälfte von ihnen 2025 die AfD gewählt hat, lässt sich deshalb kaum mit „Brüchen in der Lebensbiografie“ erklären.

Viele Beobachter vergessen zudem die Wanderungsbewegungen zwischen Ost und West. Nicht alle über 70-Jährigen haben die DDR selbst erlebt. Seit 1990 zogen fast 500.000 Menschen aus den alten Bundesländern nach Sachsen-Anhalt, manche von ihnen als Rückkehrer. Fast 800.000 Ostdeutsche verließen dagegen das Land. Wer von den derzeit 2,17 Millionen Einwohnern tatsächlich noch von der DDR geprägt wurde, lässt sich deshalb heute kaum mehr sagen.
Gleichwohl ist unbestreitbar, dass es auffällige Unterschiede im Wählerverhalten zwischen Ost und West gibt. Ein Blick auf die Karte mit den derzeitigen Direktmandaten im Bundestag zeigt, dass der Osten fast vollständig blau eingefärbt ist. Der Grund dafür liegt jedoch weniger in autoritärer Sozialisierung als in der geringeren Parteienbindung. Während im Westen SPD und CDU noch vergleichsweise viele Stammwähler besitzen, fehlt im Osten eine vergleichbare Tradition. Die Bereitschaft, das Kreuz bei der AfD zu machen, ist deshalb größer.
Lange Zeit profitierte von diesem Phänomen vor allem die umbenannte Staatspartei der DDR. Kam die PDS bei der Landtagswahl 1990 nur auf 12,0 Prozent, stieg ihr Anteil bis 2006 auf 24,1 Prozent. Erst die Probleme der Migrationspolitik und das Aufkommen der AfD führten dazu, dass die Partei, die sich seit 2007 Die Linke nennt, wieder stark an Zustimmung verlor. Bei der letzten Landtagswahl erreichte sie nur noch elf Prozent.

Das volatile Wählerverhalten im Osten könnte zu dem Schluss verleiten, dass es vor allem Protestwähler sind, die ihr Kreuz bei der AfD machen. Bei Umfragewerten von über 40 Prozent greift diese Erklärung jedoch zu kurz. Die AfD ist in Sachsen-Anhalt zu einer Volkspartei geworden, deren Wählerschaft sich notwendigerweise aus mehreren Quellen speist.
Anfangs wurde die AfD tatsächlich häufig aus Protest gewählt. So waren 2023 deutschlandweit nur 32 Prozent ihrer Wähler von der Partei wirklich „überzeugt“. Die große Mehrheit – 67 Prozent – war demgegenüber „von den anderen Parteien enttäuscht“.
In Sachsen-Anhalt dürfte dies nicht anders gewesen sein. Dass die AfD 2016 aus dem Stand 24,3 Prozent erreichte, war zu großen Teilen eine Reaktion auf die Flüchtlingskrise. Fünf Jahre später gelang es ihr, diese Wähler erneut zu mobilisieren, auch wenn sich ihr relativer Anteil auf 20,8 Prozent verringerte. Aus Protestwählern wurden Stammwähler.

Bei der Bundestagswahl 2025 sprang der Anteil der AfD auf historische 37,1 Prozent. Hinzugekommen waren zum einen rund 40.000 Nichtwähler. Zum anderen konnte sie Zehntausende Wähler von anderen Parteien gewinnen – vor allem von der CDU (knapp 30.000), der SPD (25.000) und der FDP (15.000).
Vertrauensverlust der etablierten Parteien
Dass diese 70.000 Wechselwähler über Nacht zu „Faschisten“ wurden, ist kaum anzunehmen. In Wirklichkeit zeigte die Wählerwanderung einen massiven Vertrauensverlust der etablierten Parteien. Rechnet man noch die Nichtwähler hinzu, die sich schon früher von der Politik abgewandt hatten, gaben allein bei dieser Wahl rund 110.000 politisch Enttäuschte der AfD erstmals ihre Stimme. Mit fast 500.000 Stimmen hatte sich die absolute Zahl der AfD-Wähler binnen Kurzem mehr als verdoppelt.
Was sind die Gründe für diesen Vertrauensverlust? 2023 nannten 65 Prozent der AfD-Wähler deutschlandweit an erster Stelle die Migrationspolitik. Es folgten Energiepolitik mit 47 und Wirtschaftspolitik mit 43 Prozent. Auch wenn es dazu keine speziellen Umfragen gibt, dürften diese Themen auch in Sachsen-Anhalt eine zentrale Rolle spielen.
Was die Migrationspolitik anbetrifft, hat sich bei vielen der Eindruck verfestigt, dass die etablierten Parteien zu grundlegenden Änderungen nicht in der Lage sind. Die regelmäßigen Nachrichten über Ausländergewalt, verabsäumte Abschiebungen und die Probleme der Kommunen, den Zustrom zu bewältigen, bestärken sie in dieser Annahme. Viele Ostdeutsche haben Angst, dass ihre Innenstädte bald so aussehen wie die im Ruhrgebiet oder in Frankfurt am Main.

Ähnliches gilt für die Energiepolitik. Das sogenannte Heizungsgesetz von 2023 hat die Entfremdung von der Berliner Politik erheblich beschleunigt. Der verantwortliche Wirtschaftsminister Robert Habeck fiel damals im Politiker-Ranking auf den vorletzten Platz. Im ländlichen Raum – wo die AfD am stärksten ist – machen sich die hohen Abgaben auf Benzin und Diesel auch derzeit massiv bemerkbar, weil viele Menschen auf das Auto angewiesen sind.
Die Wirtschaftspolitik dürfte an Bedeutung sogar noch hinzugewonnen haben. Sachsen-Anhalt ist ein Kernland der deutschen Schwerindustrie. Laut Statistischem Landesamt sank der Produktionswert im verarbeitenden Gewerbe 2025 um 2,6 Prozent. Klimapolitik ist hier keine abstrakte Debatte, sondern betrifft die Zukunft ganzer Orte, denn hohe Energiekosten machen die Produktion hier zunehmend unrentabel. Die Angst vor Deindustrialisierung treibt viele Wähler, etwa im sogenannten Chemiedreieck um Halle, zur AfD.
Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede. In Sachsen-Anhalt liegen die Hochburgen der AfD vor allem in ländlichen Regionen und kleineren Städten. Bereits 2021 kam sie in Landgemeinden auf 25 Prozent, in Großstädten dagegen nur auf 14 Prozent. Untersuchungen zur Bundestagswahl 2025 zeigen: Je kleiner ein Ort und je stärker er unter Überalterung, schlechter Infrastruktur und geringer Wirtschaftskraft leidet, desto erfolgreicher ist die AfD.
An diesem Trend dürfte sich auch bei der Wahl am 6. September wenig ändern. Der versprochene Politikwechsel in der Bundespolitik ist in den Augen vieler Wähler ausgeblieben. Die Koalition von Union und SPD ist inzwischen sogar noch unbeliebter als die Vorgängerregierung. Dass die etablierten Parteien die Probleme des Landes lösen können, glauben offenbar immer weniger Bürger. Anders als von Friedrich Merz angekündigt, hat sich der Stimmenanteil der AfD deshalb nicht halbiert, sondern verdoppelt.

Hinzu kommt eine wachsende kulturelle Kluft zwischen der Bevölkerung und den etablierten Parteien. Viele haben das Gefühl, dass sich die Berufspolitiker nicht für ihre Probleme interessieren. Stattdessen dominieren Themen wie Klimaschutz und Geschlechterpolitik die Debatte. Glatt gebügelte Politiker und eine künstliche Gender-Sprache tun ihr Übriges. Identifikationsfiguren, wie sie Union und SPD früher zu bieten hatten, sind kaum mehr zu finden.
Abstumpfung und Trotz
Auch die großen Medien haben an Vertrauen verloren. Eine wachsende Zahl von Menschen weicht auf alternative Portale oder die sozialen Medien aus. Diese wirken wie Echokammern, die die politische Unzufriedenheit befestigen und verstärken. Dass der Spiegel den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund kürzlich auf der Titelseite als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ bezeichnete, löst bei vielen nur noch Abwehr aus.
Das führt zu einem weiteren Punkt. Die Dämonisierung der Partei hat bei den Wählern nicht verfangen. Im Gegenteil: Die ständige Kennzeichnung der AfD als „gesichert rechtsextrem“ führt zu Abstumpfung und Trotz. Wer sich selbst nicht als Extremist versteht, aber eine andere Migrations- oder Energiepolitik will, wird gleichsam von außen radikalisiert. In der Folge kapseln sich die Ausgegrenzten ab – und sind immer schwerer zurückzugewinnen.

Verantwortlich für die Popularität der AfD ist daher auch die Politik der Brandmauer. Statt die Partei allmählich in das politische System zu integrieren, wurde sie durch Ausgrenzung erst groß gemacht. Und weil sie sich noch nie in einer Regierung bewähren musste, kann sie unbegrenzt Versprechungen machen. Der Niedergang des BSW nach dem Regierungseintritt in Thüringen und Brandenburg zeigt, was geschieht, wenn radikale Parteien plötzlich Realpolitik machen müssen.
Vor mehr als dreißig Jahren ist die SPD in Sachsen-Anhalt genau diesen Weg des „Wandels durch Annäherung“ gegangen. Ihr Spitzenkandidat Reinhard Höppner ließ sich 1994 mittels Tolerierung durch die bundesweit als extremistisch eingestufte PDS zum Ministerpräsidenten wählen. Das sogenannte „Magdeburger Modell“ führte dazu, dass PDS und Linke im Laufe der Jahre pragmatischer wurden – und Wählerstimmen verloren.
Für einen ähnlichen Weg ist es zumindest in Sachsen-Anhalt zu spät. Sollte die AfD am 6. September die absolute Mehrheit der Parlamentssitze erringen, muss sie sich allein in der Regierung bewähren. Angesichts geringer äußerer Spielräume sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Sollte die CDU dagegen eine Allparteienkoalition einschließlich der Linken schmieden, dürfte der Aufstieg der AfD weitergehen. Mit vermeintlichen Nachwirkungen der DDR hätte all dies nichts zu tun.
Bildnachweis:
(1) Felix O / CC BY-SA 2.0
(2) Bundesarchiv, Bild 183-1990-1028-002 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0
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