Das preisgekrönte Gulag-Museum in Moskau ist geschlossen. Die Erinnerung an Stalins Verbrechen passt nicht mehr in Putins Geschichtsverständnis. Wer dennoch in Russland an den kommunistischen Terror erinnert, lebt gefährlich.
Von Hubertus Knabe
Die Website des Moskauer Gulag-Museums besteht nur noch aus drei Sätzen: „In Moskau wird ein Museum der Erinnerung eröffnet. Es wird dem Gedenken an die Opfer des Völkermords an dem sowjetischen Volk gewidmet sein. Die Ausstellung wird alle Phasen der Kriegsverbrechen der Nazis während des Großen Vaterländischen Krieges umfassen.“ Wer nach Informationen über Stalins gigantisches Lagersystem sucht, stößt ins Leere.
Das Aus für eines der ambitioniertesten Museen Russlands wurde bereits im Februar verkündet. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin gab damals bekannt, dass das Gulag-Museum aufgelöst wird. Bereits im Juni wurde am selben Ort ein neues Museum eröffnet. Statt an die 18 Millionen Lagerinsassen erinnert es an die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs. Dass der Themenwechsel ganz von oben verordnet wurde, konnte man bei der Eröffnungsfeier studieren: Anwesend waren gleich drei ranghohe Vertreter des Kremls – Präsidentenberater Wladimir Medinski, Kulturministerin Olga Ljubimova und Bildungsminister Sergei Kravzow.
Die Schließung des Gulag-Museums markiert den vorläufigen Höhepunkt einer grundlegenden Revision der russischen Geschichtspolitik. Noch 2007 besuchte Präsident Putin den stalinistischen Hinrichtungsort „Butowo-Polygon“ in Moskau. Am Rande der Massengräber erklärte er, der Terror sei die Folge von Versuchen gewesen, eine attraktive Idee über grundlegende menschliche Werte zu stellen.
2015 verabschiedete die russische Regierung eine ausführliche Konzeption für das Gedenken an Stalins Opfer. Darin hieß es: „Russland kann nicht vollständig ein rechtsstaatlich regierter Staat werden und eine führende Rolle in der Weltgemeinschaft übernehmen, ohne das Andenken an viele Millionen seiner Bürger zu bewahren, die Opfer politischer Repression wurden.“

Damals ordnete Putin an, einen zentralen Gedenkort zu errichten, um „die Erinnerung an die Opfer der politischen Repression zu verewigen“. Zwei Jahre später wurde in Moskau eine sechs Meter hohe und dreißig Meter lange „Mauer der Trauer“ fertiggestellt. Bei der Einweihung erklärte er der russische Präsident, das Monument solle dafür sorgen, dass „wir und unsere Nachfahren niemals die Tragödie der Repression vergessen und die Gründe, die zu ihr geführt haben“.
Ende der Aufarbeitung
Zehn Jahre später wirken diese Äußerungen wie Nachrichten aus einer versunkenen Welt. Von der Notwendigkeit, an die Opfer des stalinistischen Terrors zu erinnern, ist in Russland keine Rede mehr. Im Gegenteil: Wer sich heute für die Aufarbeitung der Massenverbrechen einsetzt, läuft selbst Gefahr, verfolgt zu werden.
Der Wandel vollzog sich anfangs nur in kleinen Schritten. Sichtbar wurde er zuerst in der Gedenkstätte Lager Perm-36 rund 1500 Kilometer östlich von Moskau. Die Menschenrechtsorganisation Memorial hatte sich jahrelang dafür eingesetzt, das letzte noch erhaltene Sowjetlager für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der von ihr gegründete Trägerverein eröffnete dort 1995 ein Museum. Freiwillige stoppten damals den Verfall und stellten Teile der heruntergekommenen Anlage wieder her.

2012 wurde der reformfreudige Gouverneur der Region seines Amtes enthoben. Unter seinem Nachfolger wurde das Museum schrittweise verstaatlicht. Da der Verein keine Fördermittel mehr erhielt, konnte er die Stromrechnungen nicht mehr bezahlen. 2014 wurde deshalb dem Museum der Strom abgeschaltet, wenig später Gründungsdirektorin Tatjana Kursina wegen angeblichen „Missmanagements“ entlassen. Der Verein, der sich als „ausländischer Agent“ registrieren musste, wurde mit Gerichtsverfahren überzogen, so dass er sich 2016 auflöste. Heute widmet sich das Museum vor allem dem Zweiten Weltkrieg und dem Beitrag der Häftlinge zum Aufbau der Sowjetunion.
2014 wurde auch der Dachverband von Memorial gezwungen, sich als „ausländischer Agent“ zu registrieren. Nach wiederholten Durchsuchungen und Steuerverfahren verbot das Oberste Gericht 2021 die Aufarbeitungsorganisation. Zwei Jahre später löste das Moskauer Stadtgericht auch das Sacharow-Zentrum auf. Fast drei Jahrzehnte lang hatte es in der russischen Hauptstadt Ausstellungen und Veranstaltungen zu Menschenrechtsfragen durchgeführt. Unterstützer von Memorial konnten ihre Aktivitäten nun nur noch privat fortführen – etwa durch das Anbringen von Gedenktafeln an Wohngebäuden, die an die letzte Adresse von Opfern politischer Hinrichtungen erinnern.
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Nach dem Einmarsch in die Ukraine 2022 verschärfte der russische Staat das Vorgehen gegen die noch zu Sowjetzeiten gegründete Bewegung. Während das Norwegische Nobelkomitee Memorial mit dem Friedensnobelpreis auszeichnete, verließen führende Mitglieder wie Irina Scherbakowa Russland aus Angst vor Verfolgung. Sie wollten die Arbeit aus dem Exil fortsetzen, weshalb sie 2023 die Internationale Vereinigung Memorial gründeten.

Im Februar 2026 stufte die russische Generalstaatsanwaltschaft auch diesen Verband als „unerwünschte Organisation“ ein. Jede Form der Zusammenarbeit mit ihr, und sei es nur durch das Posten eines Links, kann seitdem bestraft werden. Am 9. April erklärte das Oberste Gericht die gesamte „Internationale Öffentliche Bewegung Memorial“ sogar für extremistisch. Nach Artikel 282.2 des russischen Strafgesetzbuches kann nun jede Beteiligung an ihren Aktivitäten mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden .
Aus „Brandschutzgründen“ geschlossen
Das Gulag-Museum blieb von dieser Welle der Repression lange Zeit verschont. Immerhin hatte es die Stadt Moskau 2001 – auf Initiative des Historikers und ehemaligen Lagerhäftlings Anton Antonow-Owsejenko – selbst gegründet. 2015 zog das Museum in ein aufwendig saniertes, altes Backsteingebäude um. Drei Jahre später eröffnete dort eine beeindruckende Dauerausstellung, die 2021 mit dem Museumspreis des Europarates ausgezeichnet wurde.
Wer das Museum besuchte, den ließen die Bilder so schnell nicht mehr los. Gleich zu Beginn versperrten sechzehn Zellentüren aus verschiedenen Sowjetgefängnissen den Weg. In den abgedunkelten Räumen rückten hell erleuchtete Vitrinen Fundstücke aus den Lagern und persönliche Erinnerungsstücke der Häftlinge ins Licht. Vor riesigen Fotografien inhaftierter Kinder erhob sich eine weiße Stalin-Büste, die den Diktator väterlich mit einem Mädchen im Arm zeigt. An einer Stelle las eine Stimme die Namen der 3,5 Millionen namentlich bekannten Häftlingen vor, was jedes Mal mehr als zwei Jahre dauerte. Ein Dokumentationszentrum und eine mobile Ausstellung für Schulen ergänzten das Angebot.

Im November 2024 wurde die Ausstellung überraschend geschlossen. Zur Begründung hieß es, bei einer Inspektion seien Verstöße gegen den Brandschutz festgestellt worden. Obwohl die Kulturabteilung versicherte, es handele sich nur um eine vorübergehende Maßnahme, folgte wenig später der nächste Schlag: Im Januar 2025 wurde dem langjährigen Museumsdirektor Roman Romanow gekündigt.
Über die Gründe kursierten in Moskau verschiedene Vermutungen. Auslöser soll ein „Gedenkgebet“ gewesen sein, das das Museum am 30. Oktober 2024 – dem Tag des politischen Gefangenen in Russland – in seinem Garten organisiert hatte. Öffentliche Veranstaltungen zu diesem Anlass sind unter Putin inzwischen unerwünscht und werden massiv erschwert.
Im Dezember verschärfte sich der Konflikt weiter. Romanow hatte für die Dauerausstellung des Moskauer Stadtmuseums den Abschnitt über die Verfolgungen der 1930er-Jahre erarbeitet. Eine Woche vor der Eröffnung wurde plötzlich verlangt, den Hinweis zu streichen, dass Moskau das Entscheidungszentrum für den stalinistischen Terror gewesen sei. Da Romanow den Eingriff ablehnte, wurde der gesamte Text entfernt.

Im Auftrag der Moskauer Kulturabteilung übernahm die Chefin des Stadtmuseums, Anna Trapkova, die Leitung des Gulag-Museums. Bekanntheit hatte sie vor allem dadurch erlangt, dass sie nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Innenhof ihres Museums ein Rekrutierungsbüro der Armee einrichten ließ. Für die Arbeit ihres Vorgängers fand sie dennoch lobende Worte: „Dies ist eines der besten historischen Museen der Stadt, das sich all die Zeit erfolgreich entwickelt hat.“
Im Februar 2026 kam dann das endgültige Aus. Wie Moskaus Bürgermeister Sobjanin damals mitteilte, sollte anstelle des Gulag-Museums eine Ausstellung über die Opfer deutscher und japanischer Kriegsverbrechen eröffnen. Von angeblichen Verstößen gegen den Brandschutz war plötzlich keine Rede mehr.
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Die Entscheidung war offensichtlich von langer Hand vorbereitet worden. In seiner Mitteilung konnte der Bürgermeister bereits die wichtigsten Exponate nennen – zum Beispiel einen Eisenbahnwaggon, mit dem Menschen in nationalsozialistische Vernichtungslager transportiert worden waren. Zur Direktorin berief die Stadt Natalja Kalaschnikowa – „Kriegsveteranin“ und Trägerin der Medaille „Teilnehmerin an einer militärischen Spezialoperation“, wie es in der Mitteilung hieß.
Nur vier Monate später wurde das neue Museum eröffnet. Die feierliche Einweihung wurde symbolträchtig auf den 22. Juni gelegt – den Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Ob und wann das Haus allerdings für das allgemeine Publikum öffnet, ist offen. Als eine Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft es besichtigen wollte, erhielt sie die Auskunft, dass nur angemeldete Gruppen zugelassen seien. Eine Website hat das Museum ebenfalls nicht.
Gefängnisstrafen für Historiker
Mit der Auflösung des Gulag-Museums hat Russland die letzte große Institution verloren, die Stalins blutige Diktatur kritisch thematisierte. Um den staatlich verordneten Patriotismus zu stärken, darf es beim Rückblick auf die Geschichte nur noch Helden oder Opfer geben – aber keine Täter. Insbesondere Armee und Geheimdienst sollen von historischer Schuld reingewaschen werden.

Wer sich dennoch weiter mit Stalins Terror beschäftigt, steht schnell mit einem Bein im Gefängnis – selbst bei rein akademischer Arbeit. Die „Verbreitung wissentlich falscher Informationen über die Tätigkeit der UdSSR während des Zweiten Weltkriegs“ kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Dasselbe gilt für „Informationen, die eine offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber der Gesellschaft über die Tage des militärischen Ruhms“ zum Ausdruck bringen. Sogar die „Erniedrigung der Würde einer Person“ aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe – zum Beispiel der Geheimpolizei – steht unter Strafe. Zudem ist jede Gleichsetzung der Handlungen der Sowjetführung mit denen des Dritten Reiches strafrechtlich untersagt.
Der Historiker Juri Dmitrijew, der die sowjetischen Massengräber im karelischen Sandarmoch entdeckte, sitzt bereits seit 2016 im Gefängnis. Er wurde unter dubiosen Vorwänden verurteilt. Die Russische Militärhistorische Gesellschaft verbreitete zudem die Falschmeldung, unter den fast 10 000 Toten befänden sich auch von Finnen erschossene Rotarmisten. Die Behörden ließen daraufhin auf den von Bäumen überwucherten Massengräbern ein Denkmal für die „Opfer der finnischen Besatzer“ errichten.
Auch der Mitbegründer von Memorial, Oleg Orlow, wurde 2024 vor Gericht gestellt. Er erhielt zweieinhalb Jahren Lagerhaft für einen in Frankreich erschienenen Artikel, in dem er den russischen Krieg gegen die Ukraine als „Massenmord“ bezeichnet hatte. Ein halbes Jahr später wurde er, zusammen mit anderen Kritikern, gegen den sogenannten Tiergarten-Mörder ausgetauscht – einem russischen Agenten, der in Berlin hinterrücks einen Tschetschenen erschossen hatte.

Wer sich weiter um die Aufarbeitung der Sowjetverbrechen bemüht, gerät nicht nur ins Visier der Justiz. Die einseitige Staatspropaganda hat dazu geführt, dass denjenigen, die sich mit Stalins Terror befassen, inzwischen auch aus der Gesellschaft Widerstand entgegenschlägt. Im russischen Portal Zen begrüßten etliche Nutzer die Abwicklung des Gulag-Museums. Auch die Prozesse gegen Memorial und Orlow gingen auf Beschwerden der kremltreuen Bewegung „Veteranen Russlands“ zurück.
Warum Putin von einer Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen nichts mehr wissen will, wurde bereits 2021 deutlich, als vor dem Obersten Gericht über das Verbot von Memorial verhandelt wurde. Der Verband, so Staatsanwalt Aleksei Schafjarow damals, „schaffe ein falsches Bild von der UdSSR als Terrorstaat“. Ziel seine Aktivitäten sei es, „das Bewusstsein der Bevölkerung schrittweise von der Erinnerung an die Sieger zur Notwendigkeit der Reue für die sowjetische Vergangenheit umzugestalten.“ Mit der endgültigen Beseitigung des Gulag-Museums in Moskau hat der Kreml diesem Gedenken nun auch physisch den Riegel vorgeschoben.
Leseempfehlung: 🛒Irina Scherbakowa, Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen, München 2025.
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(2) © Nobelpreis-Outreach, Foto: Geir Anders Rybakken Ørslien
(3) Анна Артемьева / CC0
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