Der Tod des Sekretärs

Die SPD-Politiker Manfred Stolpe und Oskar Lafontaine bei einer Wahlkampfveranstaltung im Landtagswahlkampf 1990 in Brandenburg
Konspirative Treffen mit der Stasi - SPD-Politiker Manfred Stolpe (r.) und Oskar Lafontaine im Landtagswahlkampf 1990 (1)

Am 29. Dezember starb der frühere Ministerpräsident von Brandenburg, Manfred Stolpe. Die Bundeskanzlerin würdigte ihn als „Gesicht und Stimme“ Brandenburgs, der Bundespräsident als “überragende politische Persönlichkeit”. Selbst Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow lobte seine Verdienste als „Brückenbauer“. Das Wichtigste ließen die offiziellen Nachrufe indes unerwähnt – Stolpes langjährige Zusammenarbeit mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst.

Von Hubertus Knabe

Als ich Manfred Stolpe 1988 kennenlernte, war ich gerade Studienleiter der Evangelischen Akademie in West-Berlin geworden. Bei meinem Antrittsbesuch in Ost-Berlin fragte ich den damaligen Konsistorialpräsidenten, wie ich DDR-Oppositionellen einen Auftritt in West-Berlin ermöglichen könnte. Mit verschmitztem Lächeln schlug er mir vor, eine Tagung zum Thema „Kirche im Sozialismus“ zu machen. „Dagegen kann niemand etwas haben und Sie können unauffällig auch ein paar Kritiker einladen.“

Manfred Stolpe erwies sich nicht nur in diesem Fall als Meister der Taktik. Dass er in der DDR 1955 zum Studium der Rechtswissenschaften zugelassen wurde, zeigte früh seine Fähigkeit zur Anpassung. Nach seinem Diplom ging er in den Dienst der Evangelischen Kirche, wo er 1969 Leiter des Sekretariates und später stellvertretender Vorsitzender des DDR-Kirchenbundes wurde. Fast immer, wenn es knifflig wurde im komplizierten Verhältnis zwischen Staat und Kirche, schickten die Bischöfe Stolpe vor. Und wenn Christen in der DDR Probleme mit der Obrigkeit bekamen, war er es, der noch am ehesten helfen konnte.

Der Kirchenjurist genoss es, ein gefragter Gesprächspartner zu sein – nicht nur in der DDR, sondern auch im Westen. Schon seine sonore Bassstimme sorgte dafür, dass ihm viele vertrauten. Was freilich die wenigsten wussten, war, dass er auch mit dem Staatssicherheitsdienst vertrauensvoll verkehrte. In konspirativen Zusammenkünften berichtete er der Stasi-Kirchenabteilung regelmäßig über kircheninterne Vorgänge. Unter dem Decknamen „Sekretär“ führte sie ihn deshalb zwanzig Jahre als hochkarätigen Informanten im Kirchenbund. Der Journalist Ralf Georg Reuth veröffentlichte bereits 1992 die wichtigsten Dokumente zu Stolpes geheimem Leben. In einem ausführlichen Gutachten warf ihm der Theologe Ehrhart Neubert später einen jahrelangen vorsätzlichen Bruch kirchlichen Rechts vor.

Deckname “Sekretär” – Manfred Stolpe (M.) mit Kirchenvertretern bei SED-Chef Erich Honecker (2.v.r.) 1978 (2)

Dabei war Stolpe ein Strippenzieher ohne eigene politische Agenda. Dass er nach dem Ende der SED-Diktatur bei der SPD landete, war deshalb eher ein Zufall, er hätte genauso gut für eine andere Partei antreten können. Er war ein Mann ohne Eigenschaften, der früh das schmeichelhafter klingende Etikett „Moderator“ oder „Brückenbauer“ verliehen bekam.

Vom Geheimdiplomaten zum Politiker

Die SPD war dankbar, mit ihm einen politischen Profi gefunden zu haben – der obendrein bei der Bevölkerung ankam. Zwischen 1990 und 2002 wurde er dreimal zum Ministerpräsidenten von Brandenburg gewählt. Zu seinem Erfolg trug vor allem bei, dass er sich den entwurzelten Ostdeutschen als verständnisvolle Vaterfigur anbot. „Wir Brandenburger“ wurde zu einer seiner Lieblingsfloskeln.

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“Seinen” Brandenburgern ersparte Stolpe auch den schmerzhaften Prozess der Aufarbeitung – nicht zuletzt im eigenen Interesse. Unter ihm gab es weder einen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen noch nennenswerte Stasi-Überprüfungen. Stattdessen arbeitete er im Landtag demonstrativ mit dem letzten SED-Chef von Potsdam zusammen, was als “Brandenburger Weg” verkauft wurde. Alte Kader fühlten sich deshalb nirgendwo so wohl wie in der „Kleinen DDR“ – wie Brandenburg damals spöttisch genannt wurde.

In der “Kleinen DDR” – Manfred Stolpe (M.) und Oskar Lafontaine (r.) 1990 im Stahl- und Walzwerk Brandenburg (3)

Erfolgreich war dieser Kurs nicht. Im Gegenteil: Bei vielen wirtschaftlichen Kennziffern trug Brandenburg lange Zeit die rote Laterne. Mehrere hoch subventionierte Investitionsprojekte gingen bankrott. Denn anders als der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf in Sachsen hatte Stolpe für den Wiederaufbau Brandenburgs kein Konzept. Auch in seiner kurzen Zeit als Bundesverkehrsminister hat er wenig Spuren hinterlassen.

So bleibt mit dem Namen Stolpe vor allem eins verbunden – die eisern durchgehaltene Leugnung seiner geheimen Beziehung zum Staatssicherheitsdienst. Für viele Spitzel wurde sie zum Vorbild, für den Umgang mit der DDR-Vergangenheit zur Zäsur. Trotz seiner langen Krebserkrankung hat er die Chance nicht genutzt, vor seinem Tod noch reinen Tisch zu machen.

Der Text erschien zuerst in: Die Tagespost vom 3. Januar 2020.

(1) Bundesarchiv, Bild 183-1990-1026-013 / CC-BY-SA 3.0
(2) Bundesarchiv, Bild 183-T0306-0025 / Koard, Peter / CC-BY-SA 3.0
(3) Bundesarchiv, Bild 183-1990-0919-018 / CC-BY-SA 3.0

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